Kardiologie

Das weibliche Herz ist keine kleinere Version des männlichen.

Ein durchschnittlich kleineres Koronarsystem, mikrovaskuläre Beteiligung, andere Symptompräsentation in der Akutsituation und eine Studienlage, die jahrzehntelang überwiegend an Männern erhoben wurde. Das sind vier Gründe, warum "Kardiologie für Frauen" eine eigene klinische Kompetenz ist. Keine Marketing-Formel.

Claudia sitzt am Fenster im oberen Härzli-Café, hält das Dein-Team-Journal in der Hand, die andere am Brustansatz. Auf dem Marmortisch ein beschlagenes Wasserglas.

Was Frauenkardiologie konkret bedeutet

Kurz erklärt
Frauenkardiologie heisst, die geschlechtsspezifische Differenz im Herz-Kreislauf-System klinisch ernst nehmen. Vier Aspekte machen den Unterschied zur "Standardkardiologie" aus. Erstens: Frauen haben durchschnittlich kleinere Koronararterien, was perkutane Eingriffe technisch verändert [Sheifer SE et al., Am Heart J 2000]. Zweitens: ein höherer Anteil mikrovaskulärer und nicht-obstruktiver koronarer Erkrankung. Klassische Stenose-Bilder fehlen, die Beschwerden bleiben [Bairey Merz CN et al., JACC 2006]. Drittens: in der akuten Notsituation präsentieren Frauen häufiger mit Atemnot, Übelkeit, Rücken- oder Kieferschmerzen [Mehta LS et al., Circulation 2016]. Viertens: bis Anfang der Neunzigerjahre wurden kardiologische Studien überwiegend an Männern durchgeführt [Vogel B et al., Lancet 2021]. In der Frauenherz-Sprechstunde bei Dein Team führen Dr. Leone und PD Dr. Kleinecke alle vier Punkte ins klinische Gespräch. Erstkontakt ohne Überweisung, Termin in der Regel innerhalb einer Woche.

Vier biologische Differenzen, die klinisch zählen

Die folgende Übersicht ist die wissenschaftliche Grundlage, auf der wir in der Sprechstunde arbeiten. Sie ist nach klinischer Relevanz für Sie geordnet.

  1. Koronaranatomie und Gefässgrösse. Im Mittel sind die Herzkranzgefässe einer Frau im Lumendurchmesser kleiner als bei einem Mann gleicher Körpergrösse [Sheifer SE et al., Am Heart J 2000]. Klinisch heisst das: identische Stenosen wirken sich auf die Durchblutung stärker aus, eine perkutane Koronarintervention (PCI) erfordert kleinere Materialien, und manche Normwerte aus männlich dominierten Studien sind nicht direkt übertragbar.
  2. Mikrovaskuläre Erkrankung und INOCA. In der WISE-Studie zeigte rund die Hälfte der Frauen, die wegen Brustschmerzen koronarangiographiert wurden, keine signifikante obstruktive Stenose [Bairey Merz CN et al., JACC 2006]. Die Beschwerden waren echt, die Ursache lag in den kleinen Gefässen oder in einer endothelialen Dysfunktion. Ein unauffälliger Herzkatheter ist hier kein Endpunkt, sondern der Beginn einer differenzierten Diagnostik (Acetylcholin-Test, koronare Flussreserve).
  3. Akute Symptompräsentation. Brustenge bleibt das häufigste Symptom auch bei Frauen. In einer NRMI-Auswertung über 1.1 Millionen MI-Patient:innen präsentierten sich aber rund 42 Prozent der Frauen ohne den klassischen Brustschmerz. Bei den Männern waren es rund 31 Prozent [Canto JG et al., JAMA 2012]. Häufiger sind dann Atemnot, Übelkeit, Schmerzen im Oberrücken, Arm, Hals oder Kiefer und ungewöhnliche Erschöpfung [Mehta LS et al., Circulation 2016].
  4. Hormonelle Übergänge als Wendepunkte. Östrogen wirkt vasoprotektiv. Mit der Perimenopause und der Menopause verschwindet dieser Schutzeffekt. Blutdruck, Lipidprofil, Körperzusammensetzung und Gefässreaktivität verändern sich oft innerhalb weniger Jahre. Die AHA fasst die Datenlage in einem dedizierten Scientific Statement zusammen: die Menopause-Transition ist eine eigenständige Phase erhöhten kardiovaskulären Risikos, unabhängig vom chronologischen Alter [El Khoudary SR et al., Circulation 2020].

Diese vier Punkte stehen nicht isoliert. Sie greifen ineinander, und sie machen erklärbar, warum eine Frau Mitte 50 mit Druck auf der Brust nicht das gleiche Schema erwartet wie ein gleichaltriger Mann.

In der Notaufnahme wird das atypische Frauenmuster historisch häufiger als "vermutlich gastrointestinal" oder "psychogen" eingeordnet. Die Diagnose verzögert sich. Die Versorgung wird dadurch schlechter.

Mehta LS et al., Circulation 2016

Warum die Studienlage so spät aufholte

Bis 1993 war es in den USA gängige Praxis, klinische Kardiologie-Studien überwiegend an männlichen Probanden durchzuführen. Erst der NIH Revitalization Act jenes Jahres (Public Law 103-43) zwang die Forschung zur Aufnahme von Frauen in Phase-III-Studien. Diese Chronologie rekapituliert auch die Lancet Commission [Vogel B et al., Lancet 2021]. Europa zog nach. Das erste dedizierte ESC-Policy-Statement zu kardiovaskulären Erkrankungen bei Frauen erschien 2006 [Stramba-Badiale M et al., EHJ 2006]; ein ESC-Workshop unter dem Titel "Red alert for women's heart" folgte 2011 [Maas AH et al., EHJ 2011]. Die Lancet Women and Cardiovascular Disease Commission veröffentlichte ihre Bilanz 2021. Sie kam zu einem nüchternen Schluss: Die globale kardiovaskuläre Sterblichkeit der Frau ist bis 2030 nur dann substanziell zu senken, wenn Diagnostik, Therapie und Forschung geschlechtsspezifisch werden [Vogel B et al., Lancet 2021].

Das ist kein historischer Exkurs. Es ist die Erklärung, warum Sie als Patientin heute oft auf Empfehlungen treffen, die aus einem Datensatz stammen, in dem Frauen unterrepräsentiert waren. In der Frauenherz-Sprechstunde diskutieren wir Empfehlungen explizit mit dem Hinweis, woher sie kommen.

Was die Notaufnahme bei Frauen bis heute übersieht

Wenn Sie sagen "ich bin nicht sicher, ob das mein Herz ist", gilt für uns folgende Regel. Bei Atemnot, ungewöhnlicher Müdigkeit, Übelkeit ohne klare Magen-Ursache, Druck oder Brennen im Brust-, Rücken- oder Kieferbereich, der über Minuten anhält und nicht von Nahrungsaufnahme abhängt: Notfall ausschliessen, dann gezielt abklären.

Das ist keine Übervorsicht. Die VIRGO-Studie hat bei jungen STEMI-Patient:innen unter 55 Jahren gezeigt, dass Frauen seltener innerhalb der leitliniengerechten Zeitfenster reperfundiert wurden. Auch die Door-to-Reperfusion-Zeiten waren länger als bei Männern gleichen Alters [D'Onofrio G et al., Circulation 2015]. Jede Minute Ischämie kostet Herzmuskelzellen. Wer früher abklärt, hat statistisch mehr Optionen.

Wann es Zeit ist, kardiologisch nachzufragen

Drei Schwellen, ab denen wir empfehlen, eine kardiologische Sprechstunde aufzusuchen, ohne auf einen weiteren Anlass zu warten:

  • Beschwerden bleiben trotz unauffälliger Hausarzt-Abklärung. Sie haben wiederholt Brustdruck oder Atemnot bei Belastung, die in der hausärztlichen Abklärung als unauffällig eingestuft wurde, die Beschwerden bleiben aber.
  • Erhöhtes Lp(a) oder familiäre Häufung. In Ihrem Bluttest oder bei einer Routinekontrolle ist der Lp(a)-Wert erhöht, oder Sie haben eine familiäre Häufung früher Herzinfarkte (vor dem 60. Lebensjahr).
  • Standortbestimmung in der Peri-/Menopause. Sie hatten bisher gute kardiovaskuläre Werte, und möchten eine Standortbestimmung, bevor sich die hormonell bedingten Veränderungen festschreiben.

Eine Empfehlung erübrigt jede statistische Diskussion: wenn Sie sich in einer Notfallsituation sehen, gehen Sie nicht in unsere Sprechstunde. Sie wählen 144.

Wie die Frauenherz-Sprechstunde bei Dein Team abläuft

Wir arbeiten in Doppelbesetzung. Dr. Leone führt das Erstgespräch und die Anamnese, einschliesslich der gynäkologisch-internistischen Wendepunkte (Schwangerschaften, Schwangerschaftshypertonie, Wechseljahre, Hormonersatztherapie), die in einer Standard-Kardiologie-Anamnese oft fehlen. PD Dr. Kleinecke ist als Interventionalistin und Habilitierte verantwortlich für diagnostische Entscheidungen, die einen Eingriff implizieren (Koronarangiographie, Funktionstests, LAA-Verschluss bei entsprechender Indikation).

Eine erste Sprechstunde umfasst:

  • Ausführliche Anamnese, 45 Minuten, einschliesslich Hormon- und Schwangerschaftsanamnese
  • Klinische Untersuchung
  • Ruhe-EKG
  • Echokardiographie (transthorakal)
  • Laborwerte: Lipidprofil inkl. Lp(a), HbA1c, Schilddrüsenwerte, Nierenwerte, Eisenstatus
  • Bei klinischer Indikation am gleichen Tag: Belastungs-EKG oder Langzeit-EKG

Am Ende sitzen Sie mit der Ärztin am Tisch, hören die Befunde und nehmen einen schriftlichen Bericht mit, der auch Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt mitliest. Die Sprechstunde ist mehrsprachig (Deutsch, Italienisch, Englisch, Spanisch).

Wo Sie im Cluster weiterlesen können

Das Frauenherz-Cluster auf dth.healthcare baut sich Stück für Stück auf. Die folgenden Themen sind als Vertiefung angelegt:

Auch die internistische Seite ist abgebildet. Das Schwester-Cluster auf dtl.healthcare/frauenheilkunde-hausaerztlich-zuerich deckt Schilddrüse, Eisenmangel und Stoffwechsel in den Wechseljahren ab.

Häufige Fragen

Brauche ich eine Überweisung für die Frauenherz-Sprechstunde?
Nein. Sie können direkt einen Termin buchen. Eine Überweisung Ihrer Hausärztin oder Ihres Hausarztes erleichtert den Informationsaustausch, ist aber keine Voraussetzung.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Bei medizinischer Indikation ja. Grundversicherte rechnen wir nach TARDOC ab. Privat- und halbprivat Versicherte erhalten zusätzlich erweiterte Wahlleistungen. Die Preisseite auf dth-herzzentrum.ch zeigt die Übersicht.
Ist die Frauenherz-Sprechstunde nur für ältere Frauen?
Nein. Die typischen Fragestellungen häufen sich ab der Perimenopause (etwa ab 45). Wir sehen aber auch jüngere Patientinnen mit familiärer Häufung, mit Schwangerschaftskomplikationen (Präeklampsie als langfristiger CV-Risikofaktor) oder mit unklaren Beschwerden, die andernorts als "Stress" eingeordnet wurden.
Was unterscheidet eine Sprechstunde bei Dr. Leone von einer Sprechstunde bei Prof. Glökler?
Beide arbeiten am gleichen Standard und greifen auf das gleiche Team zurück. Dr. Leone und PD Dr. Kleinecke führen die Frauenherz-Sprechstunde mit explizitem Fokus auf geschlechtsspezifische Diagnostik. Prof. Glökler übernimmt komplexe interventionelle Indikationen (CTO, strukturelle Eingriffe). Welche Sprechstunde sinnvoll ist, hängt von Ihrer Fragestellung ab. Bei Unsicherheit triagieren wir intern.
Was, wenn meine Symptome bisher als psychosomatisch eingestuft wurden?
Wir arbeiten unter der Voraussetzung, dass Beschwerden, die Sie wahrnehmen, real sind. Eine differenzierte kardiologische Abklärung schliesst kardiale Ursachen aus oder findet sie. Wenn psychosomatische Anteile bestehen, was häufig der Fall ist, bekommen Sie eine Einordnung und wir koordinieren die nächsten Schritte mit Ihrem hausärztlichen Team auf dtl.healthcare.
Welche Sprachen sprechen die Ärztinnen?
Deutsch und Englisch durchgängig. Dr. Leone zusätzlich Italienisch und Spanisch. Wenn Sie in einer dieser Sprachen aufgeklärt werden möchten, sagen Sie das bei der Terminbuchung an.

Frauenherz-Sprechstunde bei Dein Team

Erstkontakt ohne Überweisung. Termin in der Regel innerhalb einer Woche. Bei akuten Symptomen (Atemnot, anhaltender Brustdruck, plötzliche Erschöpfung mit Übelkeit) wählen Sie 144.

Termin in der Frauenherz-Sprechstunde

Autorin: Dr. med. (I) Roberta Leone, Spezialistin in Ausbildung Kardiologie FMH, USZ + Dein Team Herzzentrum. Medizinisch geprüft von: PD Dr. med. Caroline Kleinecke, Habilitation, FMH Kardiologie, am 4. Mai 2026. Letzte Aktualisierung: 4. Mai 2026.

Quellen

  1. Mehta LS et al. AHA Scientific Statement. Circulation 2016;133:916-947.
  2. Canto JG et al. JAMA 2012;307(8):813-822.
  3. D'Onofrio G et al. VIRGO. Circulation 2015;131:1324-1332.
  4. Vogel B et al. Lancet WCD Commission. Lancet 2021;397:2385-2438.
  5. Stramba-Badiale M et al. Eur Heart J 2006;27(8):994-1005.
  6. Maas AHEM et al. Eur Heart J 2011;32:1362-1368.
  7. Bairey Merz CN et al. WISE Part II. JACC 2006;47(3 Suppl):S21-S29.
  8. El Khoudary SR et al. Circulation 2020;142(25):e506-e532.
  9. Sheifer SE et al. Am Heart J 2000;139:649-653.