Kardiologie
Das weibliche Herz ist keine kleinere Version des männlichen.
Ein durchschnittlich kleineres Koronarsystem, mikrovaskuläre Beteiligung, andere Symptompräsentation in der Akutsituation und eine Studienlage, die jahrzehntelang überwiegend an Männern erhoben wurde. Das sind vier Gründe, warum "Kardiologie für Frauen" eine eigene klinische Kompetenz ist. Keine Marketing-Formel.
Was Frauenkardiologie konkret bedeutet
Vier biologische Differenzen, die klinisch zählen
Die folgende Übersicht ist die wissenschaftliche Grundlage, auf der wir in der Sprechstunde arbeiten. Sie ist nach klinischer Relevanz für Sie geordnet.
- Koronaranatomie und Gefässgrösse. Im Mittel sind die Herzkranzgefässe einer Frau im Lumendurchmesser kleiner als bei einem Mann gleicher Körpergrösse [Sheifer SE et al., Am Heart J 2000]. Klinisch heisst das: identische Stenosen wirken sich auf die Durchblutung stärker aus, eine perkutane Koronarintervention (PCI) erfordert kleinere Materialien, und manche Normwerte aus männlich dominierten Studien sind nicht direkt übertragbar.
- Mikrovaskuläre Erkrankung und INOCA. In der WISE-Studie zeigte rund die Hälfte der Frauen, die wegen Brustschmerzen koronarangiographiert wurden, keine signifikante obstruktive Stenose [Bairey Merz CN et al., JACC 2006]. Die Beschwerden waren echt, die Ursache lag in den kleinen Gefässen oder in einer endothelialen Dysfunktion. Ein unauffälliger Herzkatheter ist hier kein Endpunkt, sondern der Beginn einer differenzierten Diagnostik (Acetylcholin-Test, koronare Flussreserve).
- Akute Symptompräsentation. Brustenge bleibt das häufigste Symptom auch bei Frauen. In einer NRMI-Auswertung über 1.1 Millionen MI-Patient:innen präsentierten sich aber rund 42 Prozent der Frauen ohne den klassischen Brustschmerz. Bei den Männern waren es rund 31 Prozent [Canto JG et al., JAMA 2012]. Häufiger sind dann Atemnot, Übelkeit, Schmerzen im Oberrücken, Arm, Hals oder Kiefer und ungewöhnliche Erschöpfung [Mehta LS et al., Circulation 2016].
- Hormonelle Übergänge als Wendepunkte. Östrogen wirkt vasoprotektiv. Mit der Perimenopause und der Menopause verschwindet dieser Schutzeffekt. Blutdruck, Lipidprofil, Körperzusammensetzung und Gefässreaktivität verändern sich oft innerhalb weniger Jahre. Die AHA fasst die Datenlage in einem dedizierten Scientific Statement zusammen: die Menopause-Transition ist eine eigenständige Phase erhöhten kardiovaskulären Risikos, unabhängig vom chronologischen Alter [El Khoudary SR et al., Circulation 2020].
Diese vier Punkte stehen nicht isoliert. Sie greifen ineinander, und sie machen erklärbar, warum eine Frau Mitte 50 mit Druck auf der Brust nicht das gleiche Schema erwartet wie ein gleichaltriger Mann.
In der Notaufnahme wird das atypische Frauenmuster historisch häufiger als "vermutlich gastrointestinal" oder "psychogen" eingeordnet. Die Diagnose verzögert sich. Die Versorgung wird dadurch schlechter.
Warum die Studienlage so spät aufholte
Bis 1993 war es in den USA gängige Praxis, klinische Kardiologie-Studien überwiegend an männlichen Probanden durchzuführen. Erst der NIH Revitalization Act jenes Jahres (Public Law 103-43) zwang die Forschung zur Aufnahme von Frauen in Phase-III-Studien. Diese Chronologie rekapituliert auch die Lancet Commission [Vogel B et al., Lancet 2021]. Europa zog nach. Das erste dedizierte ESC-Policy-Statement zu kardiovaskulären Erkrankungen bei Frauen erschien 2006 [Stramba-Badiale M et al., EHJ 2006]; ein ESC-Workshop unter dem Titel "Red alert for women's heart" folgte 2011 [Maas AH et al., EHJ 2011]. Die Lancet Women and Cardiovascular Disease Commission veröffentlichte ihre Bilanz 2021. Sie kam zu einem nüchternen Schluss: Die globale kardiovaskuläre Sterblichkeit der Frau ist bis 2030 nur dann substanziell zu senken, wenn Diagnostik, Therapie und Forschung geschlechtsspezifisch werden [Vogel B et al., Lancet 2021].
Das ist kein historischer Exkurs. Es ist die Erklärung, warum Sie als Patientin heute oft auf Empfehlungen treffen, die aus einem Datensatz stammen, in dem Frauen unterrepräsentiert waren. In der Frauenherz-Sprechstunde diskutieren wir Empfehlungen explizit mit dem Hinweis, woher sie kommen.
Was die Notaufnahme bei Frauen bis heute übersieht
Wenn Sie sagen "ich bin nicht sicher, ob das mein Herz ist", gilt für uns folgende Regel. Bei Atemnot, ungewöhnlicher Müdigkeit, Übelkeit ohne klare Magen-Ursache, Druck oder Brennen im Brust-, Rücken- oder Kieferbereich, der über Minuten anhält und nicht von Nahrungsaufnahme abhängt: Notfall ausschliessen, dann gezielt abklären.
Das ist keine Übervorsicht. Die VIRGO-Studie hat bei jungen STEMI-Patient:innen unter 55 Jahren gezeigt, dass Frauen seltener innerhalb der leitliniengerechten Zeitfenster reperfundiert wurden. Auch die Door-to-Reperfusion-Zeiten waren länger als bei Männern gleichen Alters [D'Onofrio G et al., Circulation 2015]. Jede Minute Ischämie kostet Herzmuskelzellen. Wer früher abklärt, hat statistisch mehr Optionen.
Wann es Zeit ist, kardiologisch nachzufragen
Drei Schwellen, ab denen wir empfehlen, eine kardiologische Sprechstunde aufzusuchen, ohne auf einen weiteren Anlass zu warten:
- Beschwerden bleiben trotz unauffälliger Hausarzt-Abklärung. Sie haben wiederholt Brustdruck oder Atemnot bei Belastung, die in der hausärztlichen Abklärung als unauffällig eingestuft wurde, die Beschwerden bleiben aber.
- Erhöhtes Lp(a) oder familiäre Häufung. In Ihrem Bluttest oder bei einer Routinekontrolle ist der Lp(a)-Wert erhöht, oder Sie haben eine familiäre Häufung früher Herzinfarkte (vor dem 60. Lebensjahr).
- Standortbestimmung in der Peri-/Menopause. Sie hatten bisher gute kardiovaskuläre Werte, und möchten eine Standortbestimmung, bevor sich die hormonell bedingten Veränderungen festschreiben.
Eine Empfehlung erübrigt jede statistische Diskussion: wenn Sie sich in einer Notfallsituation sehen, gehen Sie nicht in unsere Sprechstunde. Sie wählen 144.
Wie die Frauenherz-Sprechstunde bei Dein Team abläuft
Wir arbeiten in Doppelbesetzung. Dr. Leone führt das Erstgespräch und die Anamnese, einschliesslich der gynäkologisch-internistischen Wendepunkte (Schwangerschaften, Schwangerschaftshypertonie, Wechseljahre, Hormonersatztherapie), die in einer Standard-Kardiologie-Anamnese oft fehlen. PD Dr. Kleinecke ist als Interventionalistin und Habilitierte verantwortlich für diagnostische Entscheidungen, die einen Eingriff implizieren (Koronarangiographie, Funktionstests, LAA-Verschluss bei entsprechender Indikation).
Eine erste Sprechstunde umfasst:
- Ausführliche Anamnese, 45 Minuten, einschliesslich Hormon- und Schwangerschaftsanamnese
- Klinische Untersuchung
- Ruhe-EKG
- Echokardiographie (transthorakal)
- Laborwerte: Lipidprofil inkl. Lp(a), HbA1c, Schilddrüsenwerte, Nierenwerte, Eisenstatus
- Bei klinischer Indikation am gleichen Tag: Belastungs-EKG oder Langzeit-EKG
Am Ende sitzen Sie mit der Ärztin am Tisch, hören die Befunde und nehmen einen schriftlichen Bericht mit, der auch Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt mitliest. Die Sprechstunde ist mehrsprachig (Deutsch, Italienisch, Englisch, Spanisch).
Wo Sie im Cluster weiterlesen können
Das Frauenherz-Cluster auf dth.healthcare baut sich Stück für Stück auf. Die folgenden Themen sind als Vertiefung angelegt:
- Herzinfarkt-Symptome bei Frauen. Die geschlechtsspezifische Akutpräsentation im Detail.
- Mikrovaskuläre Angina (INOCA). Wenn der Katheter "normal" ist und die Beschwerden trotzdem bleiben.
- Wechseljahre und Herzgesundheit. Der hormonelle Wendepunkt aus kardiologischer Sicht.
- Takotsubo-Kardiomyopathie. Das Stress-Herz-Syndrom bei Frauen nach der Menopause.
- Wann sollte mein Partner zum Kardiologen. Eine Entscheidungshilfe für die Gatekeeperin im Haushalt.
Auch die internistische Seite ist abgebildet. Das Schwester-Cluster auf dtl.healthcare/frauenheilkunde-hausaerztlich-zuerich deckt Schilddrüse, Eisenmangel und Stoffwechsel in den Wechseljahren ab.
Häufige Fragen
Brauche ich eine Überweisung für die Frauenherz-Sprechstunde?
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Ist die Frauenherz-Sprechstunde nur für ältere Frauen?
Was unterscheidet eine Sprechstunde bei Dr. Leone von einer Sprechstunde bei Prof. Glökler?
Was, wenn meine Symptome bisher als psychosomatisch eingestuft wurden?
Welche Sprachen sprechen die Ärztinnen?
Frauenherz-Sprechstunde bei Dein Team
Erstkontakt ohne Überweisung. Termin in der Regel innerhalb einer Woche. Bei akuten Symptomen (Atemnot, anhaltender Brustdruck, plötzliche Erschöpfung mit Übelkeit) wählen Sie 144.
Termin in der Frauenherz-SprechstundeAutorin: Dr. med. (I) Roberta Leone, Spezialistin in Ausbildung Kardiologie FMH, USZ + Dein Team Herzzentrum. Medizinisch geprüft von: PD Dr. med. Caroline Kleinecke, Habilitation, FMH Kardiologie, am 4. Mai 2026. Letzte Aktualisierung: 4. Mai 2026.
Quellen
- Mehta LS et al. AHA Scientific Statement. Circulation 2016;133:916-947.
- Canto JG et al. JAMA 2012;307(8):813-822.
- D'Onofrio G et al. VIRGO. Circulation 2015;131:1324-1332.
- Vogel B et al. Lancet WCD Commission. Lancet 2021;397:2385-2438.
- Stramba-Badiale M et al. Eur Heart J 2006;27(8):994-1005.
- Maas AHEM et al. Eur Heart J 2011;32:1362-1368.
- Bairey Merz CN et al. WISE Part II. JACC 2006;47(3 Suppl):S21-S29.
- El Khoudary SR et al. Circulation 2020;142(25):e506-e532.
- Sheifer SE et al. Am Heart J 2000;139:649-653.