Kardiologie

Herzinfarkt bei Frauen – oft anders als erwartet

Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören bei Frauen in der Schweiz und Europa weiterhin zu den häufigsten Todesursachen. Während Männer häufiger ausgeprägte Brustschmerzen angeben, berichten Frauen oft weniger typische Beschwerden.

Claudia sitzt in der ersten Klasse der S-Bahn am Fenster, Laptop auf den Knien, Espresso auf dem Klapptisch, ein Stift im Haar. Morgensonne fällt auf die Sitze.

Herzinfarkt – typische Brustschmerzen

  • Druck- oder Engegefühl im Brustkorb
  • Schmerzen mit Ausstrahlung in Arme, Schultern, Rücken, Hals oder Kiefer
  • Kieferschmerzen
  • Kaltschweissigkeit

Herzinfarkt – atypische Beschwerden

  • Atemnot
  • Oberbauchbeschwerden
  • Übelkeit oder Erbrechen
  • Ungewöhnliche Erschöpfung und Leistungsminderung
  • Herzrasen und Schwindel

Wann sollte der Notruf 144 alarmiert werden?

Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt sollte nicht abgewartet werden. Je schneller die Wiedereröffnung eines verschlossenen Herzkranzgefässes erfolgt, desto grösser ist die Chance, bleibende Herzschäden zu vermeiden. Im Zweifelsfall sollte frühzeitig der Notruf 144 verständigt werden. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.

Warum Herzinfarkte bei Frauen oft später erkannt werden

Studien zeigen, dass Frauen häufig später medizinische Hilfe in Anspruch nehmen als Männer. Zudem werden die Beschwerden nicht selten zunächst auf Stress, Erschöpfung, Wechseljahre oder Magenprobleme zurückgeführt.

Besondere Risikofaktoren bei Frauen

Die klassischen Risikofaktoren gelten auch für Frauen:

  • Rauchen
  • Bluthochdruck
  • Diabetes mellitus
  • Erhöhtes LDL-Cholesterin und Lipoprotein (a)
  • Bewegungsmangel
  • Übergewicht
  • Familiäre Vorbelastung

Darüber hinaus existieren frauenspezifische Risikofaktoren:

  • Schwangerschaftsdiabetes
  • Präeklampsie (Schwangerschaftshypertonie)
  • Frühzeitige Menopause
  • Autoimmunerkrankungen

Herzinfarkt trotz unauffälliger Herzkranzgefässe

Frauen entwickeln häufiger besondere Formen des Herzinfarkts wie MINOCA, koronare Mikrovaskuläre Dysfunktion, spontane Koronararteriendissektion (SCAD) oder die Tako-Tsubo-Kardiomyopathie. Deshalb ist häufig eine spezialisierte kardiologische Abklärung erforderlich.

Welche Untersuchungen können sinnvoll sein?

Bei einem akuten Herzinfarkt ist in der Regel eine sofortige Herzkatheteruntersuchung mit Wiedereröffnung des verschlossenen Herzkranzgefässes erforderlich.

Liegt kein akuter Herzinfarkt vor, können je nach Beschwerden, Risikofaktoren und Fragestellung verschiedene Untersuchungsverfahren zur Anwendung kommen:

  • Ruhe-EKG zur Erkennung von Herzrhythmusstörungen oder Hinweisen auf eine Durchblutungsstörung
  • Echokardiographie (Herzultraschall) zur Beurteilung der Herzfunktion, Herzklappen und Herzwandbewegung
  • Belastungsuntersuchungen zur Erkennung belastungsabhängiger Durchblutungsstörungen, beispielsweise Stressechokardiographie, Myokard-PET oder Stress-MRT
  • Koronar-CT zur nicht-invasiven Darstellung der Herzkranzgefässe und zum Ausschluss relevanter Gefässverengungen
  • Herz-MRT zur weiteren Abklärung von Herzmuskelerkrankungen, Herzmuskelentzündungen oder besonderen Herzinfarktformen
  • Herzkatheteruntersuchung zur direkten Darstellung der Herzkranzgefässe und gegebenenfalls sofortigen Behandlung mittels Ballondilatation und Stentimplantatiom

Fazit

Herzinfarkte bei Frauen werden noch immer zu häufig unterschätzt. Da die Beschwerden oft anders sind als bei Männern, sollten Warnsignale ernst genommen und frühzeitig abgeklärt werden. Eine moderne kardiologische Diagnostik ermöglicht heute eine frühzeitige Erkennung von Risikofaktoren und Herzerkrankungen – oft bevor ein Herzinfarkt überhaupt auftritt.

Quellen

  1. Vogel B et al. The Lancet Women and Cardiovascular Disease Commission. The Lancet. 2021.
  2. Vogel B et al. Sex Differences in Cardiovascular Disease: A Global Perspective. Nature Reviews Cardiology. 2021.
  3. Kunadian V et al. ESC Guidelines for the Management of Cardiovascular Disease in Women. European Heart Journal. 2025.