Kardiologie
Wann sollte mein Partner zum Kardiologen. Eine Entscheidungshilfe für seine 40er, 50er und 60er.
"Ich fühl mich gut." Das ist der häufigste Satz, den Sie hören, wenn Sie das Thema Kardiologe ansprechen. Er meint es ehrlich. Er hat keinen Brustdruck, er joggt am Wochenende, sein letzter Check beim Hausarzt war "soweit in Ordnung". Trotzdem haben Sie das Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst. Die Familienanamnese, der Stress, die Werte, die "knapp grenzwertig" waren. Dieser Text ist für Sie. Er zeigt Ihnen, woran Sie in seinen 40ern, 50ern und 60ern eine kardiologische Vorstellung festmachen, wie Sie das Gespräch ohne Konfrontation beginnen und was die erste Stunde in der Sprechstunde tatsächlich für ihn klärt.
Was Sie jetzt wissen müssen
Warum dieser Artikel an Sie gerichtet ist
In der Sprechstunde sehen wir ein Muster. Männer kommen zur kardiologischen Erstvorstellung häufig nicht aus eigenem Antrieb. Sie kommen, weil eine Frau im Hintergrund einen Termin gemacht hat, ein Gespräch geführt hat, eine Familienanamnese im Kopf hat, die er selbst nicht mehr präsent hat. Die Schweizerische Herzstiftung beschreibt das Phänomen explizit in ihrem Dossier zu Männergesundheit: Männer suchen später, fragen weniger aktiv nach und werden häufiger erst durch ein akutes Ereignis aufmerksam [Schweizerische Herzstiftung, Männer- und Frauenherzen 2024].
Das ist keine Schwäche. Es ist ein epidemiologisches Muster mit konkreten Konsequenzen. Die ESC-Präventionsleitlinie 2021 fasst zusammen, dass akute Koronarsyndrome bei Männern unter 65 häufig in einem Risikoprofil auftreten, das Jahre vorher modifizierbar gewesen wäre [Visseren FLJ et al., Eur Heart J 2021]. Das macht Sie zur entscheidenden Stimme. Sie haben oft den Vergleich, den er nicht hat: Sie erinnern sich, wie sein Vater mit 58 zusammengebrochen ist. Sie sehen, dass er nach drei Treppen ausser Atem ist, obwohl er es vor zwei Jahren noch nicht war.
Die Entscheidungsregel über drei Lebensphasen
Die Indikation für eine kardiologische Vorstellung folgt selten einem einzelnen Symptom. Sie folgt einer Kombination aus Alter, Risikoprofil und Familienanamnese. Die folgenden drei Phasen folgen der ESC-Präventionslogik 2021 und der AHA-Primärprävention 2019.
- 40er Jahre · Baseline und Familienanamnese. In den 40ern liegt das absolute kardiovaskuläre Risiko statistisch noch niedrig. Die ESC-Leitlinie empfiehlt aber für diese Altersgruppe eine systematische Risiko-Erfassung, sobald ein modifizierbarer Faktor (Hypertonie, Dyslipidämie, Diabetes, Nikotin, Adipositas) oder eine positive Familienanamnese vorliegt [Visseren FLJ et al., Eur Heart J 2021]. Ist sein Vater oder Bruder vor dem 55. Lebensjahr verstorben oder stenotechnisch behandelt worden, gehört er in dieser Phase zu einer Hochrisikogruppe, unabhängig von seinen aktuellen Werten [Arnett DK et al., Circulation 2019]. Eine einmalige Standortbestimmung mit Lipid-Panel inklusive Lp(a), Blutdruck, EKG und Echokardiographie definiert die Ausgangslage für alle weiteren Jahre.
- 50er Jahre · aktive Steuerung der Risikofaktoren. Im fünften Lebensjahrzehnt steigt das absolute Risiko deutlich. Die ESC-Präventionsleitlinie empfiehlt für Männer ab 40 in einer Hochrisiko-Region wie der Schweiz eine SCORE2-Risikoberechnung als Routine-Bestandteil der Präventionsmedizin [Visseren FLJ et al., Eur Heart J 2021]. Die SCORE2-Algorithmen schätzen das kombinierte 10-Jahres-Risiko für tödliche und nicht-tödliche kardiovaskuläre Ereignisse [SCORE2 working group, Eur Heart J 2021]. Liegt der berechnete Wert bei 5 bis unter 10 Prozent, gilt das Risiko nach ESC 2021 in dieser Altersgruppe als erhöht, ab 10 Prozent als hoch [Visseren FLJ et al., Eur Heart J 2021]. Eine kardiologische Vorstellung ist indiziert, wenn der LDL-Zielwert unter Statin nicht erreicht wird, der Blutdruck unter Therapie über 140/90 mmHg liegt, ein Diabetes Typ 2 hinzukommt oder Belastungssymptome auftreten (Atemnot bei Anstrengung, Druckgefühl in der Brust, ungewohnte Erschöpfung). Die AHA-Leitlinie betont, dass die 50er Jahre die Phase sind, in der Primärprävention den grössten Lebenszeit-Effekt hat [Arnett DK et al., Circulation 2019].
- 60er Jahre · Surveillance und Sekundärprävention. Ab dem 60. Lebensjahr verschiebt sich der Fokus. Wenn er bereits ein Ereignis hatte (Stent, Bypass, Herzinfarkt) oder eine bekannte koronare Herzkrankheit, gehört er in eine strukturierte kardiologische Nachsorge. Die ESC-Leitlinie empfiehlt jährliche Verlaufskontrollen mit Lipid-Profil, Echokardiographie und gegebenenfalls funktioneller Bildgebung [Visseren FLJ et al., Eur Heart J 2021]. Hatte er bisher kein Ereignis, ist eine Standortbestimmung mit Echokardiographie, EKG und SCORE2 in dieser Lebensphase Standard, weil viele Krankheitsbilder (asymptomatische Aortenklappenstenose, Vorhofflimmern, diastolische Dysfunktion) erst in dieser Altersspanne klinisch werden und vor einem akuten Ereignis erkennbar sind [Schweizerische Herzstiftung, Männer- und Frauenherzen 2024].
"Ich fühl mich gut." Was diesen Satz medizinisch nicht entwertet, aber relativiert
Sein subjektives Wohlbefinden ist ein wichtiger klinischer Datenpunkt. Es ist aber kein vollständiger. Die ESC-Präventionsleitlinie weist darauf hin, dass viele erste kardiovaskuläre Ereignisse bei Personen auftreten, die sich vorher subjektiv gesund fühlten und deren modifizierbare Risikofaktoren Jahre vorher messbar gewesen wären [Visseren FLJ et al., Eur Heart J 2021]. Asymptomatische Hypertonie, asymptomatische Dyslipidämie und subklinische Atherosklerose sind drei Befunde, die das subjektive Befinden über Jahre nicht beeinflussen und trotzdem das 10-Jahres-Risiko substantiell verändern.
Das heisst praktisch zwei Dinge. Erstens: Wenn Sie ihn auf eine kardiologische Vorstellung ansprechen, geht es nicht darum, ihm seine eigene Wahrnehmung abzusprechen. Zweitens: Eine Standortbestimmung in der asymptomatischen Phase liefert ihm einen Datenpunkt, den er ohne Termin nicht hätte. Sie kann ihn entlasten oder sie kann eine kleine, gut behandelbare Veränderung früh erfassen. Beide Ergebnisse sind eine Antwort. Beide sind besser als die Lücke.
Viele erste kardiovaskuläre Ereignisse treten bei Personen auf, die sich vorher subjektiv gesund fühlten und deren modifizierbare Risikofaktoren Jahre vorher messbar gewesen wären.
Wie Sie das Gespräch beginnen, ohne dass es nach Diagnose klingt
Das Gespräch zu Hause ist oft der schwierigere Teil. Defensivreaktionen kommen aus dem Eindruck, dass jemand "sagt, was mit ihm nicht stimmt". Drei Formulierungen funktionieren in der Praxis besser als eine klinische Begründung.
- "Ich möchte, dass wir das beide wissen." Sie machen aus der Frage etwas Gemeinsames. Eine Standortbestimmung ist eine Bestandsaufnahme, kein Misstrauensvotum, und sie hat für Sie beide Konsequenzen.
- "Dein Vater war damals 58. Ich will einfach den Datenpunkt haben." Wenn die Familienanamnese vorhanden ist, ist sie der ehrlichste Anker. Er kennt diese Geschichte. Sie helfen ihm, sie nicht wegzudrücken.
- "Eine Stunde, einmalig, dann hast Du einen Bericht." Konkret und begrenzt. Männer, die zur Erstvorstellung kommen, schätzen die Endlichkeit des Termins. Eine Standortbestimmung ist keine offene Therapie-Eröffnung, sie hat einen klaren Anfang und einen klaren Abschluss.
- "Ich habe für Dich angerufen, der Termin ist am Donnerstag." Wenn Sie wissen, dass er aus eigenem Antrieb nicht buchen wird, können Sie den Schritt für ihn machen. Bei Dein Team Herzzentrum reicht dafür ein Anruf, eine Überweisung ist nicht nötig.
- "Was Du danach damit machst, entscheidest Du." Sie nehmen Druck aus dem Gespräch, indem Sie klarmachen, dass die Vorstellung selbst kein Commitment zu einer Therapie ist. Das stimmt auch faktisch: Eine Standortbestimmung mündet bei vielen Männern in eine schlichte Bestätigung, dass keine Intervention nötig ist.
Wenn er trotzdem ablehnt, ist das sein Recht. Sie haben den Anker gesetzt. Erfahrungsgemäss kommen viele Männer drei bis sechs Monate später zurück, wenn sich eine Beobachtung verstetigt hat (anhaltender Bluthochdruck, ein Wert auf dem Hausarztbericht, ein eigenes Symptom).
Was die erste kardiologische Stunde für ihn tatsächlich tut
Eine kardiologische Erstvorstellung bei Dein Team Herzzentrum dauert in der Regel 60 bis 90 Minuten und enthält folgende Elemente. Sie sind so strukturiert, dass am Ende der Stunde eine schriftliche Einordnung steht, die er und seine Hausärztin erhalten.
- Anamnese mit Risikoprofil. Familienanamnese in zwei Generationen, Lifestyle-Faktoren, bisherige Werte. Hier kommen oft Punkte zur Sprache, die in einer 15-Minuten-Hausarztkonsultation nicht den Platz haben.
- EKG in Ruhe. Standard-Verfahren, dauert wenige Minuten. Liefert Hinweise auf Rhythmusstörungen, Ischämiezeichen, Hypertrophie.
- Echokardiographie. Strukturelle Beurteilung des Herzens: Pumpfunktion, Klappen, Wanddicken, diastolische Funktion. Identifiziert subklinische Befunde (linksventrikuläre Hypertrophie als Endorgan-Schaden bei Hypertonie, asymptomatische Klappenpathologien) [Arnett DK et al., Circulation 2019].
- Erweitertes Lipid-Panel inklusive Lp(a) und ApoB. Lp(a) ist ein genetisch determinierter Risikofaktor, der einmal im Leben gemessen werden sollte und in der Routine oft fehlt [Visseren FLJ et al., Eur Heart J 2021].
- 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABDM). Wenn Heim- und Praxis-Werte abweichen oder eine Hypertonie vermutet wird. Erfasst nächtliches Dipping-Profil und maskierte Hypertonie.
- SCORE2-Berechnung und schriftliche Einordnung. Der Bericht enthält das berechnete 10-Jahres-Risiko, die Indikation für oder gegen eine medikamentöse Therapie, und konkrete Lifestyle-Hinweise. Eine Kopie geht parallel an seine Hausärztin.
Was Sie als Partnerin davon haben: einen Datenpunkt, mit dem Sie beide arbeiten können. Wenn der Bericht unauffällig ist, haben Sie eine reale Entlastung statt einer "ich glaube, es ist okay"-Antwort. Wenn er auffällig ist, gibt es eine konkrete Therapieempfehlung. In beiden Fällen ist die Lücke geschlossen.
Wann ein normaler Termin nicht reicht und Sie 144 wählen
Diese Entscheidungshilfe gilt für nicht-akute Situationen. Es gibt Symptome, bei denen Sie keinen Sprechstunden-Termin vereinbaren. Sie wählen direkt 144:
- Plötzlicher, anhaltender Druck oder Schmerz in der Brust, oft mit Ausstrahlung in Arm, Kiefer oder Rücken.
- Plötzliche, schwere Atemnot in Ruhe.
- Plötzliche neurologische Symptome (Sprachstörung, einseitige Schwäche, Sehverlust).
- Synkope (kurzer Bewusstseinsverlust) ohne klare Ursache.
- Anhaltend sehr hoher Blutdruck (über 180/120 mmHg) mit Symptomen.
Diese Situationen sind eine Notaufnahme-Indikation. Zur Erinnerung: Symptome eines akuten Koronarsyndroms können bei Frauen anders aussehen als bei Männern, mit Übelkeit, Erschöpfung, Atemnot, Oberbauchschmerz. Bei Männern dominiert häufiger der klassische retrosternale Druck mit Ausstrahlung [Mehta LS et al., Circulation 2016]. Beide Muster gelten als Notfall.
Häufig gestellte Fragen
:::faq
Mein Mann ist 45, gesund, raucht nicht, treibt Sport. Sollte er trotzdem zum Kardiologen? Wenn keine Familienanamnese und keine erhöhten Werte vorliegen, ist eine Standortbestimmung in seinen 40ern keine zwingende Indikation. Sinnvoll wird sie, wenn ein modifizierbarer Faktor dazukommt (Bluthochdruck, erhöhtes LDL, Diabetes), eine Familienanamnese vorliegt oder er Symptome bei Belastung bemerkt [Visseren FLJ et al., Eur Heart J 2021]. Eine einmalige Lp(a)-Bestimmung im Leben ist auch bei niedrigem Risikoprofil empfehlenswert, weil dieser Wert genetisch determiniert ist und bei rund 20 Prozent der Bevölkerung im erhöhten Bereich liegt.
Sein Vater hatte mit 56 einen Herzinfarkt. Reicht das als Grund? Ja. Eine kardiovaskuläre Erkrankung beim Vater oder Bruder vor dem 55. Lebensjahr (oder bei Mutter/Schwester vor dem 65.) gilt als positive Familienanamnese und ist nach AHA/ACC-Leitlinie eine eigenständige Indikation für eine erweiterte Risiko-Erfassung, unabhängig vom aktuellen Beschwerdebild [Arnett DK et al., Circulation 2019].
Hausarzt oder Kardiologe als ersten Schritt? Die meisten Wege beginnen sinnvollerweise hausärztlich, weil dort Lipid-Panel, Blutdruck-Screening und Basis-EKG erhoben werden. Eine kardiologische Vorstellung ergänzt das, wenn die Werte erhöht bleiben, eine apparative Diagnostik (Echokardiographie, ABDM) gefragt ist oder eine Familienanamnese vorliegt. Bei Dein Team Herzzentrum ist eine Überweisung nicht nötig, viele Patienten kommen direkt.
Er hat Angst vor einer schlechten Diagnose. Wie gehe ich damit um? Diese Angst ist häufig und sie ist legitim. In der Praxis hilft es, den Termin als Standortbestimmung zu rahmen, nicht als Diagnostik einer vermuteten Krankheit. Statistisch verlässt die Mehrheit der Männer in den 40ern und frühen 50ern die Erstvorstellung mit einem unauffälligen oder gut behandelbaren Befund. Die Sprechstunde ist auf diese Gespräche eingerichtet.
Was kostet eine kardiologische Erstvorstellung in der Schweiz? Eine kardiologische Erstkonsultation mit EKG und Echokardiographie wird über die Grundversicherung abgerechnet, wenn eine Indikation vorliegt (Symptome, Risikofaktoren, Familienanamnese). Selbstzahler-Pakete für Standortbestimmungen ohne Indikation sind ebenfalls möglich. Die Praxis kommuniziert die Konditionen vorab.
Wer macht die Untersuchung bei Dein Team Herzzentrum? Die Erstvorstellung erfolgt bei einem der FMH-Kardiologen der Praxis (Prof. Dr. Steffen Glökler, PD Dr. med. Caroline Kleinecke, Dr. med. Steffen oder Dr. Leone in Ausbildung unter Supervision). Die Befundung erfolgt im Team. Sie erreichen dieselbe Ärztin oder denselben Arzt auch für die Verlaufskontrollen.
Mein Mann arbeitet 60-Stunden-Wochen. Wie integriere ich einen Termin? Die Sprechstunde bietet Termine vor 8 Uhr und nach 17 Uhr an. Eine Erstvorstellung mit EKG, Echokardiographie und Labor lässt sich in eine Sitzung von 60 bis 90 Minuten bündeln, sodass kein zweiter Termin nötig ist.
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Quellen
- Visseren FLJ, Mach F, Smulders YM, et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. European Heart Journal 2021;42(34):3227-3337.
- SCORE2 working group and ESC Cardiovascular risk collaboration. SCORE2 risk prediction algorithms: new models to estimate 10-year risk of cardiovascular disease in Europe. European Heart Journal 2021;42(25):2439-2454.
- Arnett DK, Blumenthal RS, Albert MA, et al. 2019 ACC/AHA Guideline on the Primary Prevention of Cardiovascular Disease. Circulation 2019;140(11):e596-e646.
- Schweizerische Herzstiftung. Männer- und Frauenherzen. Dossier zu geschlechtsspezifischer Herzmedizin. Bern, 2024.
- Mehta LS, Beckie TM, DeVon HA, et al. Acute Myocardial Infarction in Women: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2016;133(9):916-947.