Kardiologie

Wechseljahre und Herzgesundheit. Warum die Perimenopause kardiologisch ein Wendepunkt ist.

Wer mit 47 noch optimale Werte hatte, kann mit 53 in einer anderen Risikoklasse stehen. Das Alter allein erklärt das nicht. Die hormonelle Übergangsphase verschiebt Blutdruck, Lipidprofil, Gefässreaktivität und Körperzusammensetzung in einem Tempo, das aus einer Standortbestimmung mit 50 etwas anderes macht als die gleiche Untersuchung mit 40. Die American Heart Association hat diese Phase 2020 als eigenständigen kardiovaskulären Risikoabschnitt eingeordnet. In der Schweiz stirbt jede dritte Frau an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung [Schweizerische Herzstiftung 2024].

Claudia sitzt am Fenster im oberen Härzli-Café, hält das Dein-Team-Journal, die andere Hand am Brustansatz, beschlagenes Wasserglas auf dem Marmortisch, ein Moment der Hitzewelle.

Was die Wechseljahre mit Ihrem Herzen machen

Kurz erklärt
Die Menopause-Transition gilt als eigene Phase erhöhten kardiovaskulären Risikos, unabhängig vom chronologischen Alter. So formuliert es die American Heart Association in ihrem Scientific Statement [El Khoudary SR et al., Circulation 2020]. Mit dem Östrogenrückgang in der Perimenopause verändern sich vier Systeme messbar. Erstens kann der Blutdruck steigen, bei manchen Frauen erstmals in den hypertensiven Bereich. Zweitens verschiebt sich das Lipidprofil oft ungünstig: LDL und ApoB nehmen tendenziell zu, die HDL-Funktion ab. Drittens kann die Gefässreaktivität abnehmen und die arterielle Steifigkeit zunehmen. Viertens verlagert sich Körperfett häufig abdominal, mit Zunahme des viszeralen Fettkompartiments. Diese Verschiebungen geschehen oft in nur drei bis fünf Jahren. Eine kardiologische Standortbestimmung in dieser Phase erfasst das Blutdruck-Profil, Lipide einschliesslich Lp(a) und ApoB, glykämische Parameter, Echo, EKG und eine SCORE2-Risikoabschätzung nach den 2021er ESC-Leitlinien [Visseren FLJ et al., EHJ 2021]. In der Frauenherz-Sprechstunde von Dein Team Herzzentrum führen wir diese Bestandsaufnahme strukturiert durch.

Die hormonelle Logik. Östrogen, Endothel und vasoprotektiver Effekt

Östradiol wirkt direkt auf das Endothel, also auf die innerste Zellschicht der Gefässe. Es fördert die Stickstoffmonoxid-Freisetzung, hält die Gefässe weit, reduziert oxidativen Stress und beeinflusst das Lipoproteinprofil günstig. Solange der Eierstock zyklisch Östradiol produziert, wirkt dieser Schutz im Hintergrund mit. Mit der Perimenopause wird die Produktion unregelmässig, in der Postmenopause fällt sie weitgehend weg.

Die AHA-Arbeitsgruppe um El Khoudary fasst die Studienlage so zusammen, dass dieser Wegfall messbare Konsequenzen für Endothelfunktion, Lipidstoffwechsel und vaskuläre Reaktivität haben kann. Diese Veränderungen gehen demnach über das hinaus, was allein durch das chronologische Älterwerden zu erwarten wäre [El Khoudary SR et al., Circulation 2020].

Das ist wichtig, weil es eine verbreitete Annahme korrigiert. Lange galt: Frauen seien bis zur Menopause kardiovaskulär geschützt und entwickelten danach allmählich das Risikoprofil von Männern. Die Daten zeichnen ein anderes Bild. Die Verschiebungen beginnen bereits in der Perimenopause, also Jahre vor der letzten Regelblutung, und sie laufen oft schneller ab, als ein linearer Altersgang vorhersagen würde [El Khoudary SR et al., Circulation 2020].

Was sich physiologisch verändert

Die folgenden vier Systeme tragen die AHA-Beschreibung der Menopause-Transition. Sie sind messbar und sie können Ihr klinisches Bild verändern.

  1. Blutdruck. Mit der Perimenopause kann der systolische Blutdruck bei manchen Frauen erstmals in den grenzwertigen oder hypertensiven Bereich steigen. Die AHA verweist auf longitudinale Kohortendaten, die einen eigenen hormonellen Anteil neben dem reinen Alterseffekt zeigen [El Khoudary SR et al., Circulation 2020]. Klinisch heisst das: Ein Wert, der vor der Perimenopause normal war, ist mit 52 unter Umständen behandlungsbedürftig.
  2. Lipide und ApoB. LDL-Cholesterin steigt in dieser Phase häufig an, ApoB ebenso. Die Funktion des HDL verändert sich qualitativ, sodass der HDL-Wert allein das Risiko oft nicht mehr gut abbildet. Die AHA empfiehlt, in dieser Phase neben dem klassischen Lipidprofil auch ApoB und Lp(a) zu erfassen [El Khoudary SR et al., Circulation 2020]. Die ESC-Präventionsleitlinie 2021 stützt diese Richtung und nutzt Non-HDL-C beziehungsweise ApoB zur Verfeinerung der Risikoabschätzung [Visseren FLJ et al., EHJ 2021].
  3. Gefässreaktivität und arterielle Steifigkeit. Endothelfunktion und Compliance der grossen Arterien können abnehmen. Pulswellengeschwindigkeit und Carotis-IMT als Surrogatparameter steigen tendenziell. Diese subklinischen Veränderungen treten oft auf, bevor klinische Symptome entstehen, und sie sind in dieser Phase besonders dynamisch [El Khoudary SR et al., Circulation 2020].
  4. Körperzusammensetzung. Fett verlagert sich von gluteo-femoral nach abdominal. Das viszerale Fett nimmt zu, oft ohne dass das Körpergewicht insgesamt stark zulegt. Diese Verschiebung korreliert mit Insulinresistenz und mit subklinischer Atherosklerose [El Khoudary SR et al., Circulation 2020].

Diese vier Systeme greifen ineinander. Eine Frau, die in der Perimenopause an Blutdruck und ApoB steigt und gleichzeitig viszerales Fett zulegt, bewegt sich entlang dreier Risikoachsen gleichzeitig. SCORE2 nach der ESC-Leitlinie 2021 bildet das in einem zusammengesetzten Zehn-Jahres-Risiko ab [Visseren FLJ et al., EHJ 2021].

Die Menopause-Transition ist eine eigenständige Phase erhöhten kardiovaskulären Risikos. Sie lässt sich nicht auf das chronologische Älterwerden reduzieren. Eine frühe Identifikation und Modifikation der Risikofaktoren in dieser Phase hat klinisch das grösste Potenzial.

El Khoudary SR et al., Circulation 2020

Das perimenopausale Fenster. Wo Intervention den höchsten Hebel hat

Die Perimenopause umfasst typischerweise die vier bis acht Jahre vor der letzten Regelblutung sowie das erste Jahr danach. In dieser Phase laufen die beschriebenen Verschiebungen am schnellsten ab. Genau hier ist der klinische Hebel am grössten. Das hat zwei Gründe.

Erstens sind viele Veränderungen in dieser Phase noch reversibel oder modifizierbar. Ein Blutdruckwert, der mit 51 grenzwertig wird, lässt sich durch Lebensstil, Schlafqualität und gegebenenfalls medikamentöse Therapie oft noch in den Zielbereich zurückführen, bevor er sich strukturell festschreibt. Ein steigender ApoB-Wert lässt sich gezielt adressieren. Zweitens entsteht in dieser Phase häufig das erste objektive Risikoprofil einer Frau, das der vasoprotektive Östrogeneffekt zuvor überdeckt hat. Was sichtbar wird, lässt sich behandeln.

Die Lancet-Kommission 2021 fasst zusammen, dass eine substanzielle Reduktion der globalen kardiovaskulären Krankheitslast der Frau bis 2030 nur erreichbar sein dürfte, wenn Diagnostik und Therapie geschlechtsspezifisch werden. Die Menopause-Transition wird dort als prioritärer Interventionspunkt genannt [Vogel B et al., Lancet 2021]. Eine europäische Konsensusgruppe um Maas und Regitz-Zagrosek hat die kardiovaskuläre Gesundheit nach der Menopause-Transition 2021 ausführlich aufgearbeitet und denselben Ansatz gestützt [Maas AHEM et al., EHJ 2021].

Eine kardiologische Standortbestimmung. Was hineingehört

Eine Standortbestimmung in der Peri- oder frühen Postmenopause ist mehr als eine Routine-Vorsorge mit ein paar Zusatzpunkten. Sie ist eine eigene Untersuchung mit einem definierten Inventar. Was hineingehört, leitet sich direkt aus der AHA-2020-Empfehlung und der ESC-2021-Präventionsleitlinie ab.

  • Anamnese mit gynäkologisch-internistischen Wendepunkten. Schwangerschaftshypertonie, Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes, vorzeitige Menopause vor 40, Hormontherapie, Migräne mit Aura. Diese Punkte stehen in der Standard-Kardiologie-Anamnese oft nicht und sind in dieser Phase relevant [Mehta LS et al., Circulation 2016].
  • Erweitertes Lipidprofil. Klassisches Lipidprofil plus ApoB plus einmalig Lp(a). Lp(a) ist genetisch festgelegt und muss im Leben nur einmal bestimmt werden, in dieser Phase aber oft erstmals [Visseren FLJ et al., EHJ 2021].
  • Blutdruck-Profil. Eine 24-Stunden-Blutdruckmessung statt einer Praxis-Einzelmessung. Der maskierte Hypertonus ist in der Perimenopause häufig.
  • Glykämische Parameter. Nüchternglukose und HbA1c. Bei viszeraler Fettverteilung gegebenenfalls ein oraler Glukosetoleranztest.
  • Echokardiographie und EKG. Eine strukturelle Bestandsaufnahme als Referenz. Auch ein unauffälliger Befund dient als Vergleichsbasis für die nächste Untersuchung in fünf Jahren.
  • SCORE2 und gegebenenfalls SCORE2-OP. Ein zusammengesetztes Zehn-Jahres-Risiko nach ESC 2021. Bei spezifischen Konstellationen (Lp(a) hoch, familiäre Häufung, Schwangerschaftshypertonie in der Vorgeschichte) werden Risiko-Modifier angewendet [Visseren FLJ et al., EHJ 2021].

Diese Bestandsaufnahme bildet die Grundlage für jede weitere Entscheidung. Ob Lebensstil ausreicht, ob eine Statintherapie in Frage kommt, ob eine antihypertensive Therapie startet, ob eine Hormonersatztherapie kardiovaskulär neutral, günstig oder kritisch zu bewerten ist. All das setzt diese Daten voraus. Ohne sie bleibt die Beratung allgemein.

Drei Schwellen, ab denen Sie nicht mehr abwarten

Wann Sie eine kardiologische Standortbestimmung buchen, statt auf den nächsten Anlass zu warten:

  • Sie sind in der Perimenopause und haben bisher keine kardiologische Bestandsaufnahme. Zyklusveränderungen, Hitzewallungen, Schlafstörungen, neue Blutdruckwerte. In dieser Phase ist die Standortbestimmung sinnvoll, auch wenn Sie sich gesund fühlen.
  • Ihr Blutdruck oder Ihr Lipidprofil hat sich verändert. Ein Wert, der mit 45 normal war, ist mit 52 erhöht. Der Hausarzt hat ApoB oder Lp(a) noch nicht erfasst. Die kardiologische Sprechstunde nimmt diese Diagnostik systematisch auf.
  • Sie haben eine relevante Vorgeschichte. Schwangerschaftshypertonie, Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes, frühe Menopause vor 40, familiäre Häufung früher Herzinfarkte, Migräne mit Aura. Diese Punkte verschieben das Risikoprofil und gehören in dieser Lebensphase in eine kardiologische Bewertung [Mehta LS et al., Circulation 2016].

In einer Notfallsituation gehen Sie nicht in die Sprechstunde. Sie wählen 144. Anhaltender Brustdruck, Atemnot ohne Belastungsanlass, plötzliche Erschöpfung mit Übelkeit oder Schmerzen, die in Rücken, Arm oder Kiefer ausstrahlen, können Warnzeichen einer akuten Ischämie sein [Mehta LS et al., Circulation 2016].

Wie die Frauenherz-Sprechstunde bei Dein Team Herzzentrum in dieser Phase abläuft

Das Team arbeitet in dieser Sprechstunde in Doppelbesetzung. Das Erstgespräch und die erweiterte Anamnese decken die gynäkologisch-internistischen Wendepunkte ab. Die diagnostische Strategie schliesst die Frage ein, ob bei auffälligen Befunden eine weiterführende Funktionsdiagnostik angezeigt ist, etwa Belastungs-Echo, Stress-MRI oder koronare Funktionstests.

Eine erste Sprechstunde umfasst Anamnese, Echo, EKG, 24-Stunden-Blutdruckmessung, ein erweitertes Lipidprofil mit ApoB und Lp(a), HbA1c und eine SCORE2-Berechnung. Der Bericht geht am selben Tag oder am Folgetag an Sie und an Ihren Hausarzt oder Ihre Gynäkologin. Wird eine Hormonersatztherapie diskutiert, koordinieren wir die kardiologische Einschätzung mit der gynäkologischen Indikation. Die internistisch-stoffwechselbezogene Seite (Schilddrüse, Eisenmangel, Insulinresistenz) ist im Schwester-Cluster auf dtl.healthcare/frauenheilkunde-hausaerztlich-zuerich abgebildet. Abgerechnet wird nach TARDOC.

Wo Sie im Cluster weiterlesen können

Häufige Fragen

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Ab wann ist eine kardiologische Standortbestimmung sinnvoll?

Sinnvoll ist sie ab Beginn der Perimenopause, also typischerweise ab Mitte 40. Bei einer relevanten Vorgeschichte (Schwangerschaftshypertonie, Präeklampsie, frühe Menopause vor 40, familiäre Häufung) kann sie früher angezeigt sein. Gemeint ist eine strukturierte Bestandsaufnahme in einer Phase, in der sich kardiovaskuläre Parameter messbar verschieben [El Khoudary SR et al., Circulation 2020]. Eine pauschale Screening-Untersuchung bei Beschwerdefreien ist damit nicht gemeint.

Reicht der Hausarzt-Check-up in dieser Phase nicht aus?

Der hausärztliche Check-up erfasst die Basis. In der Perimenopause kommen oft eine 24-Stunden-Blutdruckmessung, ein erweitertes Lipidprofil mit ApoB und einmalig Lp(a), eine SCORE2-Risikoabschätzung nach ESC 2021 und eine Echokardiographie als Referenzbild hinzu [Visseren FLJ et al., EHJ 2021]. Diese Bausteine gehören in die kardiologische Sprechstunde.

Steigt mein Risiko schlagartig mit der letzten Regelblutung?

Nein. Die Verschiebungen beginnen bereits Jahre vor der letzten Regelblutung, in der Perimenopause, und laufen über die Menopause-Transition hinweg. Genau das ist die Kernaussage des AHA-Statements 2020. Die Phase gilt als eigenständige Risikoperiode, kein einzelner Zeitpunkt [El Khoudary SR et al., Circulation 2020].

Was ist mit Hormonersatztherapie und Herz?

Die Bewertung hängt vom Zeitpunkt des Beginns, vom Präparat, vom Verabreichungsweg und vom individuellen kardiovaskulären Risikoprofil ab. Die europäische Konsensusgruppe um Maas empfiehlt, die Indikation gemeinsam zwischen Gynäkologie und Kardiologie zu prüfen, besonders bei Frauen mit erhöhtem Risikoprofil [Maas AHEM et al., EHJ 2021]. Eine ausführliche Einordnung steht im Artikel Hormonersatztherapie und Herz.

Ich habe Hitzewallungen und Herzklopfen. Ist das gefährlich?

Vasomotorische Beschwerden gehen häufig mit Palpitationen einher. In den meisten Fällen sind sie harmlos. Die kardiologische Abklärung dient dazu, eine relevante Rhythmusstörung auszuschliessen und ein objektives Bild zu zeichnen, statt die Beschwerden pauschal als hormonell zu deuten. Mehr dazu in Herzrhythmusstörungen in Schwangerschaft und Wechseljahren.

Was kostet eine Standortbestimmung in der Frauenherz-Sprechstunde?

Die Sprechstunde wird über die Grundversicherung abgerechnet, wenn eine kardiologische Indikation vorliegt (Beschwerden, Risikofaktoren, relevante Vorgeschichte). Eine reine Vorsorge ohne Indikation läuft über die Zusatzversicherung oder selbst. Die genaue Einordnung klären wir telefonisch beim Termintransfer.

Ist eine Überweisung nötig?

Nein. In Zürich können Sie sich direkt anmelden. Wenn Sie in einem Hausarztmodell der Krankenkasse sind, klären wir die Modalitäten beim Erstkontakt.

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Quellen

  1. El Khoudary SR et al. Menopause Transition and Cardiovascular Disease Risk: Implications for Timing of Early Prevention. A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2020;142:e506-e532.
  2. Visseren FLJ, Mach F et al. 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. European Heart Journal 2021;42(34):3227-3337.
  3. Vogel B et al. The Lancet women and cardiovascular disease Commission: reducing the global burden by 2030. The Lancet 2021;397(10292):2385-2438.
  4. Maas AHEM, Rosano G, Cifkova R, Regitz-Zagrosek V et al. Cardiovascular health after menopause transition, pregnancy disorders, and other gynaecologic conditions: a consensus document from European cardiologists, gynaecologists, and endocrinologists. European Heart Journal 2021;42(10):967-984.
  5. Mehta LS, Beckie TM et al. Acute Myocardial Infarction in Women: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2016;133:916-947.
  6. Schweizerische Herzstiftung. Bei Frauen ist der Herzinfarkt anders / Frauenherzen sind im Alter verletzlicher (Dossiers, 2024).