Kardiologie

Wird mein Herzinfarkt übersehen? Was die Daten über Frauen in der Notaufnahme sagen.

Eine Patientin Mitte vierzig kommt in eine Notaufnahme mit Druck im Oberbauch, Atemnot und einem unguten Gefühl. Sie wartet zwei Stunden, bekommt eine Magen-Darm-Diagnose, geht nach Hause. Drei Tage später wird im Spital ein abgelaufener Herzinfarkt dokumentiert. Solche Verläufe sind nicht der Regelfall. Sie sind aber häufiger, wenn die Patientin eine Frau ist, und sie haben einen Namen in der Forschung. Diese Seite legt offen, was die Studienlage zeigt, woher die Lücke kommt und welche konkreten Sätze Sie in einer akuten Situation in der Notaufnahme verwenden können.

Claudia auf dem Weg zur Arbeit in der ersten Klasse der S-Bahn, Laptop auf den Knien, konzentriert bei der eigenen Recherche, Stift im Haar.

Die kurze Antwort, bevor Sie weiterlesen

Kurz erklärt
Frauen mit akuten Herzinfarkt-Symptomen werden in der Notaufnahme statistisch häufiger zunächst einer nicht-kardialen Diagnose zugeordnet als Männer mit vergleichbaren Beschwerden. In der VIRGO-Studie an Patient:innen unter 55 berichteten 53.4 Prozent der Frauen, die zuvor ärztlich vorstellig waren, dass die behandelnde Person ihre Symptome zunächst nicht als kardial einordnete. Bei den Männern waren es 36.7 Prozent [Lichtman JH et al., Circulation 2018]. Das AHA-Statement zur akuten Infarktversorgung bei Frauen benennt diese Lücke seit 2016 ausdrücklich [Mehta LS et al., Circulation 2016]. In der VIRGO-Reperfusions-Auswertung überschritten Frauen unter 55 die empfohlenen Reperfusions-Zeitfenster häufiger als gleichaltrige Männer (41 Prozent versus 29 Prozent) [D'Onofrio G et al., Circulation 2015]. Die ESC-Akutleitlinie 2023 definiert die Reperfusionsfenster geschlechtsunabhängig (primäre PCI innerhalb von 120 Minuten ab Erstkontakt bei STEMI, Klasse-I-Empfehlung) [Byrne RA et al., EHJ 2023]. Wenn Sie oder Ihre Partnerin eine Notaufnahme aufsuchen: konkretes Symptom benennen, EKG und Troponin explizit anfordern, bei Verdacht 144 wählen.

Was "übersehen" in den Daten bedeutet

Wer von einem übersehenen Infarkt spricht, meint zwei verschiedene Dinge. Erstens das echte Versäumnis: ein Patient oder eine Patientin verlässt die Notaufnahme mit einer Fehldiagnose, der Infarkt wird Stunden oder Tage später entdeckt. Zweitens die Verzögerung: die Diagnose wird zwar gestellt, aber später als bei einem vergleichbaren männlichen Fall, mit messbaren Konsequenzen für das Reperfusionsfenster.

Beide Phänomene sind quantifiziert. Eine multizentrische US-Studie an 10'689 Patient:innen mit kardialer Symptomatik fand, dass rund 2.1 Prozent der Infarktfälle in der Notaufnahme zunächst nicht hospitalisiert wurden. Frauen unter 55 hatten in der Subgruppen-Analyse eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit einer Fehlentlassung als die Referenzgruppe (Odds Ratio 6.7, 95-Prozent-Konfidenzintervall 1.4 bis 32.5) [Pope JH et al., NEJM 2000]. Die Konfidenzintervalle sind breit (kleine Subgruppe), die Punktschätzung ist aber klinisch bedeutsam und seit zwei Dekaden zitiert. Die Lancet Women and Cardiovascular Disease Commission ordnete diese Disparität 2021 in einen globalen Aktionsplan ein und beschreibt sie als Ergebnis aus Patient-, Ärzt:innen- und Systemfaktoren zugleich [Vogel B et al., Lancet 2021].

Drei Mechanismen, die zur Verzögerung beitragen

Die Verzögerung entsteht selten an einer einzigen Stelle. Drei Mechanismen wirken zusammen.

  1. Symptompräsentation jenseits des Lehrbuchs. Brustschmerz bleibt das häufigste Einzelsymptom auch bei Frauen. Aber rund 42 Prozent der weiblichen Infarktpatientinnen präsentieren sich ohne diesen klassischen Brustschmerz [Mehta LS et al., Circulation 2016]. Atypische Leitsymptome wie Atemnot, Übelkeit, Oberbauchdruck oder ungewöhnliche Erschöpfung fallen aus dem Triage-Raster, das historisch auf den männlich dominierten Symptomkatalog kalibriert wurde.
  2. Attribution der Beschwerden vor der Triage. In der VIRGO-Studie gaben Frauen unter 55 häufiger als gleichaltrige Männer an, ihre Symptome zunächst Stress, Verspannung oder einer Magen-Darm-Ursache zugeordnet zu haben. Auch die initiale ärztliche Einschätzung in der Notaufnahme verlief häufiger ohne kardialen Verdacht [Lichtman JH et al., Circulation 2018]. Diese frühe Zuordnung formt die nächsten Schritte.
  3. Gefühl von "etwas stimmt nicht" als ernst zu nehmender Befund. Eine plötzlich einsetzende Angst oder ein "sense of impending doom" gehört zur klinisch beschriebenen Symptomatik des akuten Infarkts und ist im AHA-Statement zur Akutsymptomatik bei Frauen aufgeführt [Mehta LS et al., Circulation 2016]. Es ist kein psychologischer Nebeneffekt, das ist ein klinischer Hinweis, der das EKG nicht ersetzt, aber den Verdachtsradar erhöhen sollte.

Door-to-EKG, Door-to-Balloon. Was die Uhr zeigt.

Der zweite Teil der Datenlage betrifft das Tempo, sobald die Patientin eingetroffen ist. Die VIRGO-Auswertung von D'Onofrio und Kolleg:innen analysierte 1465 STEMI-Fälle bei Patient:innen unter 55 an 103 US-Spitälern. Frauen blieben häufiger unbehandelt (9 Prozent versus 4 Prozent der Männer), und sie überschritten die empfohlenen In-hospital-Reperfusions-Zeitfenster für die perkutane Koronarintervention häufiger als gleichaltrige Männer (41 Prozent versus 29 Prozent, Odds Ratio 1.65, 95-Prozent-Konfidenzintervall 1.27 bis 2.16) [D'Onofrio G et al., Circulation 2015]. Bei Verlegungen war der Effekt noch ausgeprägter.

Die ESC-Akutleitlinie 2023 ordnet die Reperfusionsziele geschlechtsunabhängig: primäre PCI innerhalb von 120 Minuten ab Erstkontakt mit dem medizinischen System bei STEMI ist eine Klasse-I-Empfehlung. Sie gilt für jede Patientin und jeden Patienten gleich [Byrne RA et al., EHJ 2023]. Die Lücke entsteht nicht in der Leitlinie, sie entsteht in der Anwendung.

Among young patients with myocardial infarction, women were significantly more likely than men to report that providers had not initially thought their symptoms were heart-related.

Lichtman JH et al., Circulation 2018, VIRGO sub-study

Was Sie in der Notaufnahme konkret sagen können

In einer akuten Situation hilft eine vorbereitete, sachliche Sprache. Sie ist nicht übergriffig, sie ist informierte Patientinnen-Sprache. Drei Sätze, die das Triage-Gespräch in die richtige Reihenfolge bringen.

  • Den Verdacht benennen, nicht nur das Symptom. "Ich habe seit 40 Minuten Druck im Brust- oder Oberbauchbereich, Atemnot und kalten Schweiss. Ich bitte um ein EKG und ein Troponin, weil ich einen kardialen Verdacht abklären lassen möchte." Diese Formulierung verlagert die Diagnostik vom Bauchgefühl der Triage in die strukturierte Akutkardiologie.
  • Zeitfenster aktiv ansprechen. "Falls ein Infarkt im Spiel ist, zählt das Zeitfenster. Können Sie mir bitte mitteilen, wann das EKG geschrieben wird und wann das erste Troponin abgenommen wird." Das macht die Door-to-EKG-Zeit zu einer expliziten Variable, statt sie der Routine zu überlassen.
  • Eine zweite Person dabei haben. Eine begleitende Person hört mit, dokumentiert Uhrzeiten und kann nachfragen, falls die Patientin im Akutmoment selbst nicht in der Lage dazu ist. Bei Marco oder einem Partner: das ist der wichtigste Beitrag, den eine begleitende Person leisten kann.

Was Sie nicht selbst leisten können, leistet die Klinik. EKG und hochsensitives Troponin sind die zwei Untersuchungen, die einen akuten Infarkt im Erstkontakt bestätigen oder ausschliessen. Bei unauffälligem erstem Troponin folgt nach einer Stunde (oder drei Stunden, je nach Algorithmus) ein zweites. Die ESC-Leitlinie 2023 hat diese Algorithmen hinterlegt [Byrne RA et al., EHJ 2023]. Eine Notaufnahme, die in dieser Reihenfolge arbeitet, übersieht einen Infarkt selten.

Was sich in der Schweiz ändert

Die Schweizerische Herzstiftung adressiert das Thema in einem dedizierten Dossier ("Bei Frauen ist der Herzinfarkt anders"). Sie nennt Atemnot, Übelkeit, Rückenschmerzen und ungewöhnliche Erschöpfung als Symptome, die bei Frauen alleinstehend auftreten können, und ruft dazu auf, im Zweifel auch ohne klassischen Brustschmerz an einen Infarkt zu denken [Schweizerische Herzstiftung 2023]. Diese Sensibilisierung ist in der breiten Öffentlichkeitsarbeit angekommen.

In der Akutpraxis ist die Veränderung im Gang. Die Lancet Commission 2021 nennt drei messbare Hebel: standardisierte EKG-Anforderung bei jeder Patientin mit thorakaler oder atypischer Symptomatik, Frauen-spezifische Schulung der Notfallteams und geschlechtsstratifizierte Door-to-Balloon-Zeiten als Qualitätsindikator [Vogel B et al., Lancet 2021]. Was Sie als Patientin tun können, ist die Hälfte der Strecke. Die andere Hälfte ist Systemarbeit.

Wann eine Standortbestimmung sinnvoll ist (ausserhalb des Notfalls)

Vielleicht lesen Sie dies ausserhalb eines akuten Moments, weil eine ältere Episode im Kopf nachhängt oder weil eine Vorgeschichte in der Familie vorliegt. Dann schafft eine geplante kardiologische Standortbestimmung Klarheit. Drei Konstellationen, in denen wir den Termin niedrigschwellig empfehlen.

  1. Eine ungeklärte Episode in den letzten Monaten. Sie erinnern sich an eine Phase mit anhaltendem Brust- oder Oberbauchdruck, Atemnot oder ungewöhnlicher Erschöpfung über mehrere Stunden, ohne dass eine kardiale Abklärung erfolgte. Ein altes EKG, ein Vergleichs-EKG, ein Troponin (auch nachlaufend), eine Echokardiographie und eine gezielte Anamnese ergeben in der Regel ein klares Bild.
  2. Familiäre Häufung früher Infarkte. Ein Vater unter 55 oder eine Mutter unter 65 mit Myokardinfarkt in der ersten Verwandtschaftslinie ist ein unabhängiger Risikofaktor, der in der Standardvorsorge oft nicht systematisch erfasst wird. In der Sprechstunde ergänzen wir die klassische Risikoanalyse um Lp(a), familiäre Hypercholesterinämie-Screening und gegebenenfalls einen Kalk-Score.
  3. Peri- oder Menopause mit neuen Beschwerden. Mit dem Östrogenabfall verändern sich Blutdruck, Lipidprofil und Gefässreaktivität oft innerhalb weniger Jahre. Eine Standortbestimmung in dieser Phase erlaubt, die Veränderungen einzuordnen, bevor sie sich festschreiben.

Wenn keine dieser Konstellationen klar zutrifft, Sie sich aber trotzdem unsicher sind: das Erstgespräch in der Frauenherz-Sprechstunde dient genau dieser Einordnung. Erstkontakt ohne Überweisung, Termin in der Regel innerhalb einer Woche.

Wo Sie im Cluster weiterlesen können

Häufige Fragen

Werden Frauen wirklich häufiger fehldiagnostiziert als Männer?
Bei akuten Herzinfarkt-Symptomen ja, mit Schwerpunkt in der jüngeren Altersgruppe. In der VIRGO-Studie an Patient:innen unter 55 berichteten 53.4 Prozent der Frauen, dass ihr Behandler die Symptome zunächst nicht als kardial einordnete, gegenüber 36.7 Prozent der Männer [Lichtman JH et al., Circulation 2018]. Eine ältere multizentrische US-Studie quantifizierte das Risiko einer Fehlentlassung bei Frauen unter 55 mit einer Odds Ratio von 6.7 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1.4 bis 32.5) gegenüber der Referenzgruppe [Pope JH et al., NEJM 2000]. Über alle Altersgruppen gesehen ist die Lücke kleiner, in der jüngeren Kohorte ist sie messbar gross.
Was heisst "Door-to-EKG" und warum ist diese Zahl wichtig?
Door-to-EKG ist die Zeit zwischen dem Eintreffen in der Notaufnahme und dem ersten 12-Kanal-EKG. Die internationalen Akutkardiologie-Standards sehen ein EKG innerhalb von 10 Minuten ab Eintreffen vor. Es ist die kürzeste Untersuchung, die einen ST-Hebungs-Infarkt sofort sichtbar macht. Bei längerer Door-to-EKG-Zeit verschiebt sich auch die Door-to-Balloon-Zeit, also der Beginn der Reperfusion. In der VIRGO-Auswertung überschritten Frauen unter 55 die empfohlenen Reperfusions-Zeitfenster häufiger als gleichaltrige Männer [D'Onofrio G et al., Circulation 2015].
Mein Hausarzt sagt, das sei "nur Stress". Soll ich das so akzeptieren?
Stress kann kardiale Beschwerden auslösen. Aber "Stress" ist eine Ausschluss-Diagnose, tragfähig erst, wenn Infarkt und kardiale Ursache aktiv ausgeschlossen wurden (Anamnese, EKG, Troponin, gegebenenfalls Echokardiographie und Belastungstest). Bleiben Ihre Beschwerden bestehen oder kehren wieder, ist eine kardiologische Abklärung angemessen.
Was sage ich, wenn ich oder mein Partner eine Notaufnahme aufsucht?
Drei Bausteine. Erstens das Symptom konkret: "Ich habe seit X Minuten Druck im Brust- oder Oberbauchbereich, Atemnot und kalten Schweiss." Zweitens den Verdacht: "Ich bitte um EKG und Troponin." Drittens das Zeitfenster: "Können Sie mir bitte mitteilen, wann das EKG geschrieben wird." Diese Sätze sind klinisch sinnvoll und werden vom medizinischen Personal in der Regel mit der korrekten Reihenfolge beantwortet.
Wann wähle ich 144 statt selbst zu fahren?
Bei anhaltendem Brust- oder Oberbauchdruck über zehn Minuten, neu aufgetretener Ruhe-Atemnot, Synkope oder plötzlichem Schwindel mit kaltem Schweiss. 144 ist die richtige Nummer, weil ein Notarzt-Team unterwegs bereits ein EKG schreiben und die Akutkardiologie vorinformieren kann. Eigene Fahrt verzögert beide Schritte.
Bin ich mit Anfang vierzig zu jung für einen Infarkt?
Nein. Die VIRGO-Studie wurde gerade deshalb ins Leben gerufen, um Patient:innen unter 55 systematisch zu untersuchen [Lichtman JH et al., Circulation 2018]. Familiäre Häufung, Lp(a)-Erhöhung, Schwangerschaftshypertonie, Präeklampsie in der Anamnese und früher Beginn der Menopause sind unabhängige Risikofaktoren, die in dieser Altersgruppe häufig nicht systematisch erfasst werden.
Was, wenn ich rückblickend vermute, dass ich einen Infarkt hatte?
Auch das passiert, vor allem bei stillen Infarkten oder atypischer Präsentation. Eine länger zurückliegende Episode mit anhaltendem Druck, Atemnot oder ungewöhnlicher Erschöpfung gehört in den nächsten Tagen kardiologisch abgeklärt. Vergleichs-EKG, Troponin, Echokardiographie und gezielte Anamnese ergeben in der Regel ein klares Bild.

Frauenherz-Sprechstunde bei Dein Team

Erstkontakt ohne Überweisung. Termin in der Regel innerhalb einer Woche. Bei akuten Symptomen wählen Sie 144.

Termin in der Frauenherz-Sprechstunde

Autorin: Dr. med. (I) Roberta Leone, Spezialistin in Ausbildung Kardiologie FMH, USZ + Dein Team Herzzentrum. Medizinisch geprüft von: PD Dr. med. Caroline Kleinecke, Habilitation, FMH Kardiologie, am 4. Mai 2026. Letzte Aktualisierung: 4. Mai 2026.

Quellen

  1. Mehta LS, Beckie TM, DeVon HA, et al. Acute Myocardial Infarction in Women: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2016;133(9):916-947.
  2. Lichtman JH, Leifheit EC, Safdar B, et al. Sex Differences in the Presentation and Perception of Symptoms Among Young Patients With Myocardial Infarction: Evidence from the VIRGO Study. Circulation 2018;137(8):781-790.
  3. D'Onofrio G, Safdar B, Lichtman JH, et al. Sex differences in reperfusion in young patients with ST-segment-elevation myocardial infarction: results from the VIRGO study. Circulation 2015;131(15):1324-1332.
  4. Vogel B, Acevedo M, Appelman Y, et al. The Lancet women and cardiovascular disease Commission: reducing the global burden by 2030. The Lancet 2021;397(10292):2385-2438.
  5. Pope JH, Aufderheide TP, Ruthazer R, et al. Missed diagnoses of acute cardiac ischemia in the emergency department. New England Journal of Medicine 2000;342(16):1163-1170.
  6. Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ, et al. 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. European Heart Journal 2023;44(38):3720-3826.
  7. Schweizerische Herzstiftung. Bei Frauen ist der Herzinfarkt anders. Dossier. Bern, 2023.