Kardiologie

Segel im Herzen: Mitralklappen-Insuffizienz

Die Mitralklappe ist das Ventil zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer. Schliesst sie nicht mehr dicht, fliesst bei jedem Herzschlag Blut zurück in den Vorhof und staut sich Richtung Lunge. Das ist die Mitralklappen-Insuffizienz, der zweithäufigste behandlungsbedürftige Herzklappenfehler. Lange bleibt sie stumm. Dann kommen Atemnot bei Belastung, Erschöpfung, manchmal Herzstolpern. Hier lesen Sie, was hinter der Diagnose steckt, ab wann eine Behandlung ratsam wird und welche Verfahren heute in der Schweiz zur Verfügung stehen.

Elisabeth sitzt aufrecht an einem Härzli-Tisch am Paradeplatz, leichte Vorbeuge, Hand am Halsansatz, eine Pralinés-Tüte und ein Glas Wasser auf dem Marmortisch.

Was ist eine Mitralklappen-Insuffizienz, kurz erklärt?

Bei einer Mitralklappen-Insuffizienz schliesst die Klappe zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer nicht mehr vollständig. Während der Auswurfphase strömt ein Teil des Blutes zurück in den Vorhof statt vollständig in den Körperkreislauf. Das Herz muss mehr leisten, der Druck in den Lungengefässen steigt. Mediziner unterscheiden zwei Hauptformen. Bei der primären (organischen) Form ist die Klappe selbst verändert, etwa durch einen Sehnenfadenriss oder einen Mitralklappen-Prolaps. Bei der sekundären (funktionellen) Form ist die Klappe im Grunde intakt, doch eine erweiterte oder geschwächte Herzkammer zieht sie auseinander, häufig nach einem Herzinfarkt oder bei Herzschwäche. Die Schweregrade reichen von leicht über mittelschwer bis hochgradig. Eine leichte Undichtigkeit findet sich bei sehr vielen gesunden Menschen und bleibt meist harmlos. Eine hochgradige Insuffizienz dagegen kann die Lebenserwartung deutlich verkürzen und gehört in regelmässige kardiologische Überwachung. Welche Form vorliegt und wie stark die Klappe undicht ist, entscheidet über die Behandlung und über den richtigen Zeitpunkt dafür.

Wie häufig ist die Mitralklappen-Insuffizienz?

Die Mitralklappen-Insuffizienz gehört zu den verbreitetsten Klappenerkrankungen überhaupt. Die Häufigkeit steigt steil mit dem Alter. Studien beziffern die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung auf rund zwei bis drei Prozent, bei Menschen über 75 Jahren auf über zehn Prozent [Nkomo 2006, Lancet]. Damit ist sie nach der Aortenklappenstenose der zweithäufigste behandlungsbedürftige Herzklappenfehler in Europa.

Weil die Klappe oft jahrelang unbemerkt undicht ist, wird die Diagnose häufig zufällig gestellt, etwa wenn beim Abhören mit dem Stethoskop ein typisches Herzgeräusch auffällt. Mit der alternden Bevölkerung in der Schweiz rechnen Fachgesellschaften mit einer weiter steigenden Zahl betroffener Menschen.

Welche Symptome macht eine undichte Mitralklappe?

In frühen Stadien spüren Sie oft gar nichts. Das Herz gleicht den Rückfluss eine Zeit lang aus. Erst wenn dieser Ausgleich an seine Grenze kommt, treten Beschwerden auf. Typisch sind:

  • Kurzatmigkeit bei Belastung, später auch in Ruhe
  • rasche Erschöpfung und nachlassende Leistungsfähigkeit
  • Herzstolpern oder Herzrasen, oft durch Vorhofflimmern
  • Wasseransammlungen in den Beinen
  • nächtlicher Reizhusten oder Atemnot im Liegen

Eine seltene, dramatische Sonderform ist die akute schwere Mitralklappen-Insuffizienz. Sie entsteht zum Beispiel durch einen plötzlichen Sehnenfadenriss beim Herzinfarkt oder durch eine Entzündung der Herzklappe (Endokarditis). Hier zählt jede Stunde, eine sofortige Behandlung ist meist unumgänglich.

Welche Ursachen stecken dahinter?

Die Auslöser unterscheiden sich je nach Form. Bei der primären Mitralklappen-Insuffizienz liegt die Veränderung an der Klappe selbst:

  • degenerative Veränderungen mit Verkalkung im höheren Alter
  • Mitralklappen-Prolaps durch eine angeborene Bindegewebsschwäche
  • Riss oder Überdehnung der Sehnenfäden
  • Entzündungen der Herzinnenhaut (Endokarditis)
  • rheumatisches Fieber als Spätfolge einer Streptokokken-Infektion

Bei der sekundären Form ist die Klappe anatomisch weitgehend normal. Eine kranke Herzkammer verzieht den Halteapparat. Dazu führen vor allem ein durchgemachter Herzinfarkt, eine koronare Herzkrankheit und die dilatative Kardiomyopathie, bei der sich die linke Herzkammer weitet.

Die primäre Form lässt sich kaum vorbeugen. Bei der sekundären Form hilft alles, was das Herz insgesamt schützt: Bewegung, ein gesundes Gewicht, Rauchstopp, Blutdruck und Blutzucker im Griff. Wer seine koronare Herzkrankheit behandeln lässt, senkt damit auch das Risiko, dass die Mitralklappe undicht wird.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Das wichtigste Werkzeug ist der Herzultraschall. Die transthorakale Echokardiographie über die Brustwand bestätigt in den meisten Fällen die Diagnose, zeigt den Schweregrad und gibt erste Hinweise auf die Ursache. Aus den Messwerten und Ihren Beschwerden ergibt sich, ob und wann ein Eingriff sinnvoll wird.

Steht eine Behandlung im Raum, folgt fast immer die transösophageale Echokardiographie (das Schluckecho). Über die Speiseröhre kommt der Schallkopf der Klappe sehr nah und liefert ein präzises Bild. Damit lässt sich abschätzen, ob die Klappe rekonstruiert oder ersetzt werden sollte und ob ein offener chirurgischer Eingriff oder ein Katheterverfahren besser passt. Ergänzend kommen ein Ruhe- und Langzeit-EKG zur Suche nach Rhythmusstörungen sowie ein Belastungs-EKG zum Einsatz.

Ab wann braucht es eine Behandlung?

Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend und gehört in erfahrene Hände. Bei der primären (degenerativen) Mitralklappen-Insuffizienz raten die europäischen Leitlinien zur Operation, sobald die Klappe hochgradig undicht ist und Beschwerden bestehen. Auch ohne Symptome kann ein Eingriff angezeigt sein, wenn die linke Herzkammer nachzugeben beginnt: bei einer Auswurffraktion bis 60 Prozent oder einem endsystolischen Kammerdurchmesser ab 40 Millimeter [ESC/EACTS 2021, Eur Heart J]. Diese Schwellen klingen technisch, sie markieren aber den Moment, in dem das Zuwarten gefährlicher wird als der Eingriff.

Bei degenerativer Klappe ist die chirurgische Rekonstruktion der Klappenersatz vorzuziehen, wo immer die Anatomie es erlaubt. Eine reparierte eigene Klappe hält langfristig sehr gut, schützt vor klappenbedingten Komplikationen und ist mit einem Überlebensvorteil verbunden, der über die Jahre zunimmt [Lazam 2017, Circulation].

Bei der sekundären Mitralklappen-Insuffizienz steht zuerst die konsequente medikamentöse Herzschwäche-Therapie. Bleiben trotzdem Beschwerden, kommt zunehmend das Katheterverfahren ins Spiel.

Welche Behandlungen gibt es?

Drei Wege stehen heute zur Verfügung, oft in Kombination:

  1. Medikamente. Sie behandeln die Folgen der Undichtigkeit und die zugrunde liegende Herzschwäche. Bei der sekundären Form bilden sie die Basis jeder weiteren Entscheidung.
  2. Chirurgie. Über den geöffneten oder minimal-invasiv eröffneten Brustkorb wird die Klappe rekonstruiert oder ersetzt. Bei degenerativer Klappe ist die Rekonstruktion der Standard.
  3. Katheterverfahren (TEER / MitraClip). Über eine Leistenvene wird ein kleiner Clip an die undichte Stelle gebracht und die Klappensegel werden punktuell zusammengeführt. Der Brustkorb bleibt geschlossen, der Spitalaufenthalt ist meist kürzer.

Die wichtigste Studie zum MitraClip bei sekundärer Insuffizienz ist COAPT. Bei Herzschwäche-Patientinnen und Patienten, die trotz optimaler Medikamente symptomatisch blieben, senkte das Verfahren über zwei Jahre die Sterblichkeit von 46,1 auf 29,1 Prozent und die Zahl der Herzschwäche-bedingten Spitalaufenthalte deutlich [Stone 2018, N Engl J Med]. Auf dieser Datenlage hat die europäische Leitlinie das Verfahren für ausgewählte Patientinnen und Patienten mit sekundärer Insuffizienz inzwischen hoch eingestuft [ESC/EACTS 2025, Eur Heart J].

Wie sieht die Prognose aus?

Bei einer leichten Mitralklappen-Insuffizienz ohne weitere Herzerkrankung ist die Lebenserwartung in der Regel normal. Eine hochgradige, unbehandelte Insuffizienz dagegen belastet das Herz dauerhaft und kann die Lebenserwartung deutlich verkürzen.

Kein Eingriff ist ohne Risiko, und das Zuwarten ist es ebenso wenig. Überwiegt das Risiko des Abwartens jenes der Behandlung, raten wir am Dein Team Herzzentrum zum Eingriff. Genau diese Abwägung, getragen von regelmässigen Ultraschall-Kontrollen, entscheidet über den richtigen Moment.

Häufige Fragen zur Mitralklappen-Insuffizienz

Ist eine leichte Mitralklappen-Insuffizienz gefährlich? In den meisten Fällen nicht. Eine geringe Undichtigkeit findet sich bei vielen gesunden Menschen und bleibt oft ein Leben lang stabil. Wichtig ist, dass Ihr Herz regelmässig per Ultraschall kontrolliert wird, damit eine Verschlechterung früh auffällt.

Muss eine undichte Mitralklappe immer operiert werden? Nein. Leichte und mittelschwere Formen werden meist nur beobachtet. Eine Behandlung wird vor allem bei hochgradiger Undichtigkeit nötig, wenn Beschwerden auftreten oder die linke Herzkammer messbar nachzugeben beginnt.

Was ist der Unterschied zwischen MitraClip und Operation? Bei der Operation wird die Klappe über den Brustkorb rekonstruiert oder ersetzt. Beim MitraClip führt ein Katheter über die Leiste zum Herzen, ein kleiner Clip führt die Segel zusammen. Das Katheterverfahren ist schonender und eignet sich besonders für Menschen mit hohem Operationsrisiko.

Kann ich mit einer Mitralklappen-Insuffizienz Sport treiben? Bei leichter Undichtigkeit ist Bewegung meist ohne Einschränkung möglich und sogar erwünscht. Bei höheren Schweregraden sollte das Belastungsprofil kardiologisch abgeklärt werden. Ein Belastungs-EKG hilft, Ihre individuelle Grenze zu bestimmen.

Kann man der Mitralklappen-Insuffizienz vorbeugen? Der primären Form, die von der Klappe selbst ausgeht, kaum. Der sekundären Form schon: Wer Blutdruck, Gewicht, Blutzucker und Cholesterin im Griff hat, nicht raucht und sich bewegt, schützt sein Herz und damit auch die Klappe.

Wie schnell schreitet eine Mitralklappen-Insuffizienz fort? Der Verlauf ist sehr unterschiedlich und schwer vorherzusagen. Manche Klappen bleiben über Jahre stabil, andere verschlechtern sich rasch. Deshalb sind regelmässige Ultraschall-Kontrollen so wichtig, sie erkennen eine Verschlechterung, bevor sie gefährlich wird.

Quellen

  1. 2021 ESC/EACTS Guidelines for the management of valvular heart disease (European Heart Journal 2022;43:561-632)
  2. 2025 ESC/EACTS Guidelines for the management of valvular heart disease (European Heart Journal 2025;46:4635)
  3. Stone GW et al. Transcatheter Mitral-Valve Repair in Patients with Heart Failure (COAPT). N Engl J Med 2018;379:2307-2318
  4. Nkomo VT et al. Burden of valvular heart diseases: a population-based study. Lancet 2006;368:1005-1011
  5. Lazam S et al. Twenty-Year Outcome After Mitral Repair Versus Replacement for Severe Degenerative Mitral Regurgitation. Circulation 2017;135:410-422
  6. 2021 ESC/EACTS Valvular Heart Disease Guidelines: Key Points (American College of Cardiology)