Kardiologie

Der interventionelle Verschluss des linken Vorhofohres

Bei Vorhofflimmern entstehen die meisten gefährlichen Blutgerinnsel an einer einzigen Stelle: im linken Vorhofohr. Über 90 Prozent der Gerinnsel, die bei dieser Rhythmusstörung zu einem Schlaganfall führen, bilden sich dort [Cresti 2019]. Gerinnungshemmende Medikamente schützen wirksam, doch nicht jeder verträgt sie dauerhaft. Für diese Patientinnen und Patienten gibt es einen Weg, die kritische Stelle gezielt zu verschliessen. Dieser Beitrag erklärt, wann der Eingriff sinnvoll ist, wie er abläuft und was die Studienlage dazu sagt.

Elisabeth sitzt allein auf einer Holzbank am See in Kilchberg, behandschuhte Hand am Halsansatz, der volle Einkaufsbeutel auf den Knien, der See im Dunst hinter ihr.

Was bedeutet der Verschluss des linken Vorhofohres?

Das linke Vorhofohr ist eine kleine Aussackung am linken Herzvorhof. Bei Vorhofflimmern strömt das Blut dort nur noch träge, und es bilden sich leicht Gerinnsel, die mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen und einen Schlaganfall auslösen können. Beim interventionellen Verschluss wird ein kleiner Schirm, ein sogenannter Okkluder, über einen Katheter im Vorhofohr platziert und dort entfaltet. Er dichtet die Aussackung dauerhaft ab, sodass kein Blut mehr hineinfliesst und sich keine Gerinnsel mehr lösen können.

Der Eingriff richtet sich vor allem an Menschen mit Vorhofflimmern, die ein erhöhtes Schlaganfallrisiko haben, gerinnungshemmende Medikamente aber nicht dauerhaft einnehmen können, etwa wegen wiederholter Blutungen. Die ESC-Leitlinie 2024 zum Vorhofflimmern führt den perkutanen Vorhofohrverschluss in dieser Situation als Option auf [ESC 2024]. In randomisierten Studien war das Verfahren bei gut ausgewählten Patientinnen und Patienten gegenüber der medikamentösen Gerinnungshemmung gleichwertig wirksam und ging mit weniger nicht eingriffsbedingten Blutungen einher [Osmancik 2022].

Warum Vorhofflimmern das Schlaganfallrisiko erhöht

Vorhofflimmern ist eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen. Statt geordnet zu schlagen, erregen sich die Herzvorhöfe durch elektrische Fehlsignale schnell und unregelmässig. Die Vorhöfe ziehen sich nicht mehr koordiniert zusammen, das Blut staut sich, und besonders im linken Vorhofohr verlangsamt sich der Fluss. Aus diesem trägen Blut können Gerinnsel entstehen.

Löst sich ein solches Gerinnsel, wandert es über die Hauptschlagader bis in die Gehirngefässe und kann dort eine Arterie verschliessen. Das Ergebnis ist ein ischämischer Schlaganfall. Schlaganfälle infolge von Vorhofflimmern verlaufen im Durchschnitt schwerer als andere und hinterlassen häufiger bleibende Einschränkungen.

Wie hoch ist Ihr individuelles Risiko?

Wie hoch das Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern ausfällt, hängt von mehreren Faktoren ab. Zur Einschätzung dient der CHA2DS2-VASc-Score, der Punkte für Alter, Geschlecht, Bluthochdruck, Diabetes, Herzschwäche, Gefässerkrankungen und einen früheren Schlaganfall vergibt [ESC 2024]. Je höher die Punktzahl, desto grösser das jährliche Risiko.

Auf Basis dieses Wertes lässt sich abwägen, ob eine gerinnungshemmende Behandlung angezeigt ist. Parallel dazu wird das Blutungsrisiko beurteilt. Erst aus beiden Bewertungen zusammen ergibt sich ein klares Bild, welche Schutzstrategie zu Ihnen passt. Bei Menschen mit hohem Schlaganfall- und gleichzeitig hohem Blutungsrisiko rückt der Vorhofohrverschluss in den Vordergrund.

Behandlungsweg Wirkprinzip Typische Situation
Orale Gerinnungshemmung (DOAK) Hemmt die Blutgerinnung im gesamten Körper Standard bei erhöhtem Risiko, gute Verträglichkeit
Interventioneller Vorhofohrverschluss Schliesst die Hauptquelle der Gerinnsel mechanisch Bei Unverträglichkeit oder hohem Blutungsrisiko
Chirurgischer Verschluss Verschluss während einer ohnehin geplanten Herzoperation Begleitend zur Herzchirurgie [Whitlock 2021]

Wie läuft der Eingriff ab?

Der interventionelle Vorhofohrverschluss findet im Herzkatheter-Labor statt, in der Regel in Vollnarkose oder tiefer Sedierung. Über eine Vene in der Leiste führt das Team einen dünnen Katheter zum Herzen und passiert die Vorhofscheidewand. Anschliessend wird der Okkluder im linken Vorhofohr platziert und entfaltet.

Während des gesamten Vorgangs überwacht das Team die genaue Position mit Röntgendurchleuchtung und einer Ultraschalluntersuchung über die Speiseröhre, der transösophagealen Echokardiographie. So lässt sich vor dem endgültigen Ablösen prüfen, ob der Schirm dicht und stabil sitzt. Üblicherweise dauert der Eingriff etwa eine Stunde.

Ein wichtiger Hinweis vorab: Findet sich im Vorhofohr bereits ein Gerinnsel, kann der Verschluss nicht durchgeführt werden. In diesem Fall wird zunächst über mehrere Wochen gerinnungshemmend behandelt, bis sich das Gerinnsel aufgelöst hat [ESC 2024].

Wie geht es nach dem Eingriff weiter?

Nach dem Eingriff folgt meist ein kurzer stationärer Aufenthalt von wenigen Tagen. Vor der Entlassung kontrolliert das Team den korrekten Sitz des Okkluders, häufig mit einer Ultraschalluntersuchung. Weitere Verlaufskontrollen sind nach einigen Wochen und Monaten vorgesehen.

In der ersten Zeit nach dem Verschluss ist meist eine vorübergehende medikamentöse Behandlung nötig, bis die Innenseite des Okkluders vollständig mit körpereigenem Gewebe überzogen ist. Welches Schema gewählt wird, richtet sich nach Ihrer individuellen Situation und dem Blutungsrisiko. Nach Abschluss dieser Phase entfällt in vielen Fällen die dauerhafte Gerinnungshemmung.

Was sagt die Studienlage?

Der Vorhofohrverschluss gehört zu den gut untersuchten interventionellen Verfahren in der Kardiologie. In der PRAGUE-17-Studie war der Katheter-Verschluss bei Hochrisikopatientinnen und -patienten den modernen Gerinnungshemmern (DOAK) über eine mediane Nachbeobachtung von 3,5 Jahren ebenbürtig, mit weniger nicht eingriffsbedingten Blutungen [Osmancik 2022].

Die kombinierten 5-Jahres-Daten der Studien PROTECT-AF und PREVAIL zeigten gegenüber dem älteren Gerinnungshemmer Warfarin eine vergleichbare Schlaganfallvorbeugung bei weniger Blutungen und einer niedrigeren Sterblichkeit [Reddy 2017]. Bei Operationen am offenen Herzen senkte der zusätzliche chirurgische Verschluss des Vorhofohres in der LAAOS-III-Studie das Risiko für Schlaganfall und Thromboembolie um rund ein Drittel [Whitlock 2021].

Diese Daten stützen den Stellenwert des Verfahrens, ersetzen aber keine individuelle Abwägung. Ob der Vorhofohrverschluss für Sie die richtige Option ist, lässt sich erst nach einer sorgfältigen Untersuchung und einem Gespräch über Ihre Risiken und Wünsche klären. Wichtig zu wissen: Der Eingriff ist eine planbare, vorbeugende Massnahme. Es bleibt also Zeit, die Befunde in Ruhe zu besprechen und die verschiedenen Schutzstrategien gegeneinander abzuwägen, bevor eine Entscheidung fällt.

Häufige Fragen zum Vorhofohrverschluss

Für wen kommt ein Vorhofohrverschluss infrage?

Das Verfahren richtet sich an Menschen mit Vorhofflimmern und erhöhtem Schlaganfallrisiko, die gerinnungshemmende Medikamente nicht dauerhaft einnehmen können oder wollen, etwa nach wiederholten Blutungen. Ob der Eingriff geeignet ist, entscheidet sich nach einer individuellen Untersuchung und der Beurteilung von Schlaganfall- und Blutungsrisiko.

Sind nach dem Eingriff weiterhin Blutverdünner nötig?

Für eine Übergangszeit ist meist eine medikamentöse Behandlung nötig, bis der Okkluder eingewachsen ist. Danach kann die dauerhafte Gerinnungshemmung in vielen Fällen entfallen. Das genaue Vorgehen hängt von Ihrem Blutungsrisiko und dem Heilungsverlauf ab. Deshalb legt das Team das Schema individuell für Sie fest und passt es bei den Verlaufskontrollen an.

Wie lange dauert der Eingriff und der Klinikaufenthalt?

Der Eingriff selbst dauert in der Regel rund eine Stunde. Anschliessend folgt meist ein kurzer stationärer Aufenthalt von wenigen Tagen, in dem der Sitz des Okkluders kontrolliert wird.

Wie sicher ist der Vorhofohrverschluss?

Der Verschluss ist ein etabliertes Verfahren mit guter Studienlage. Wie bei jedem Eingriff am Herzen gibt es Risiken, etwa eine Verletzung der Herzwand oder eine Fehllage des Okkluders. Durch die kontinuierliche Bildkontrolle während des Eingriffs lassen sich diese Risiken gering halten. Ein offenes Gespräch über den Nutzen und mögliche Komplikationen gehört zur Vorbereitung dazu.

Was ist der Unterschied zur Katheterablation bei Vorhofflimmern?

Eine Katheterablation behandelt die Rhythmusstörung selbst, indem fehlerhafte elektrische Signale im Herzen verödet werden. Der Vorhofohrverschluss verändert den Rhythmus nicht. Er beugt dem Schlaganfall vor, indem er die Hauptquelle der Gerinnsel verschliesst. Beide Verfahren verfolgen unterschiedliche Ziele und können sich in bestimmten Situationen ergänzen.

Bleibt das Vorhofflimmern nach dem Eingriff bestehen?

Ja. Der Vorhofohrverschluss beseitigt das Vorhofflimmern nicht. Das Herz schlägt weiterhin unregelmässig. Der Eingriff senkt das Schlaganfallrisiko, indem er die Stelle abdichtet, an der die meisten gefährlichen Gerinnsel entstehen.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt kein persönliches ärztliches Gespräch. Ob ein Vorhofohrverschluss für Sie sinnvoll ist, klären wir am Dein Team Herzzentrum gemeinsam mit Ihnen nach einer gründlichen Abklärung.

Quellen

  1. ESC 2024 Guidelines for the management of atrial fibrillation (EHJ / Europace, novel key aspects incl. LAAO)
  2. Osmancik et al. (PRAGUE-17). 4-Year Outcomes After Left Atrial Appendage Closure Versus Nonwarfarin Oral Anticoagulation for Atrial Fibrillation. J Am Coll Cardiol 2022
  3. Reddy et al. 5-Year Outcomes After Left Atrial Appendage Closure: From the PREVAIL and PROTECT AF Trials. J Am Coll Cardiol 2017
  4. Whitlock et al. (LAAOS III). Left Atrial Appendage Occlusion during Cardiac Surgery to Prevent Stroke. N Engl J Med 2021
  5. Cresti et al. Prevalence of extra-appendage thrombosis in non-valvular atrial fibrillation (>90% of thrombi in the LAA). EuroIntervention 2019
  6. 2024 ESC Guidelines for AF: Key Points (American College of Cardiology summary, incl. CHA2DS2-VASc and LAAO)