Kardiologie

Kaffee und Herzgesundheit: Was die Wissenschaft wirklich zeigt

„Muss ich wegen meinem Herz auf Kaffee verzichten?" Diese Frage hören wir in der Sprechstunde fast täglich. Die kurze Antwort beruhigt die meisten Menschen: Für ein gesundes Herz ist moderater Kaffee unbedenklich, und die Daten der letzten Jahre deuten sogar auf einen Schutzeffekt hin. Spannend wird es bei den Details. Wie Sie Ihren Kaffee zubereiten, wie viel Sie trinken und wie schnell Ihr Körper Koffein abbaut, verändert das Bild für Ihr Herz mehr als die Tasse selbst.

Thomas sitzt im Café Odeon in Zürich mit zwei Espressotassen vor sich und liest in der Zeitung einen Beitrag darüber, wie Kaffee auf das Herz wirkt.

Wie viel Kaffee ist gut fürs Herz?

Für die meisten Erwachsenen sind drei bis fünf Tassen Kaffee pro Tag mit dem niedrigsten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden. Eine grosse Auswertung von 36 Studien mit über 1,2 Millionen Menschen zeigt eine J-Kurve: Das Risiko sinkt mit moderatem Konsum, erreicht seinen Tiefpunkt bei drei bis fünf Tassen täglich und steigt selbst bei hohem Konsum nicht über das Niveau von Nichttrinkern [Ding M et al., Circulation 2014]. Entscheidend ist die Zubereitung. Filterkaffee gilt als herzfreundlich, weil der Filter die cholesterinsteigernden Stoffe Cafestol und Kahweol zurückhält [Schweizerische Herzstiftung 2024]. Ungefilterter Kaffee aus French Press, Mokka oder gekochter Kaffee lässt diese Diterpene in die Tasse, und sie heben das LDL-Cholesterin messbar an. Koffein steigert den Blutdruck kurzfristig, doch wer regelmässig trinkt, gewöhnt sich daran. Beim Herzrhythmus ist nach heutiger Datenlage selbst für Menschen mit Vorhofflimmern kein Grund zur Sorge. Wer schlecht schläft oder zittrig wird, baut Koffein langsamer ab. Dann lohnt es sich, die Menge zu prüfen.

Filter oder French Press: Warum die Zubereitung Ihr Cholesterin verändert

Kaffee ist mehr als Koffein. In der Bohne stecken auch zwei fettlösliche Stoffe, Cafestol und Kahweol, zusammengefasst als Diterpene. Diese Diterpene drosseln in der Leber den Abbau von LDL-Cholesterin, und der Wert im Blut steigt [Schweizerische Herzstiftung 2024]. Genau diese Stoffe bleiben am Papierfilter hängen.

Die Zubereitung entscheidet, wie viel davon in Ihrer Tasse landet:

  • Hoch: gekochter Kaffee, türkischer und griechischer Mokka, French Press (Kaffee mit direktem Kontakt zum Kaffeesatz)
  • Mittel: Espresso und Espresso-basierte Getränke
  • Sehr niedrig: Filterkaffee mit Papierfilter, löslicher Kaffee

Die Schweizerische Herzstiftung formuliert es klar: Den herzschützenden Effekt bekommen Sie vor allem mit Filterkaffee oder löslichem Kaffee, weil hier die cholesterinsteigernden Stoffe weitgehend entfernt werden [Schweizerische Herzstiftung 2024]. Wer täglich mehrere Tassen ungefilterten Kaffee trinkt und ohnehin erhöhte Blutfette hat, kann mit einem Wechsel zum Papierfilter etwas für sein LDL tun. In meiner Sprechstunde gehört diese Frage zu jeder Cholesterin-Beratung dazu, denn sie kostet nichts und ist sofort umsetzbar.

Kaffee und Blutdruck: kurzfristig hoch, langfristig entspannt

Koffein wirkt sympathomimetisch, es kann den Blutdruck also kurz anheben. Bei Menschen, die selten Kaffee trinken, hebt eine Tasse den systolischen Druck akut messbar an. Bei gewohnheitsmässigen Trinkern fällt dieser Effekt deutlich kleiner aus oder bleibt aus, weil sich der Körper an das Koffein gewöhnt [Zimmermann-Viehoff F et al., 2016]. Der Körper entwickelt eine Toleranz.

Über die Jahre betrachtet ist das Bild entspannt. Ein bis zwei Tassen täglich erhöhen das Risiko für eine neu auftretende Hypertonie nicht, und bei höherem regelmässigem Konsum zeigt sich in Beobachtungsdaten eher ein leicht gesenktes Risiko [Ding M et al., Circulation 2014]. Für Menschen mit gut eingestelltem Bluthochdruck ist moderater Kaffee in der Regel kein Problem. Wenn Ihr Blutdruck schwankt oder neu diagnostiziert wurde, messen Sie ihn an ein paar Tagen mit und ohne Ihre gewohnte Tasse. So sehen Sie Ihre eigene Reaktion schwarz auf weiss.

Löst Kaffee Vorhofflimmern aus? Der hartnäckigste Mythos

Über Jahrzehnte galt: Wer zu Herzstolpern oder Vorhofflimmern neigt, soll Kaffee meiden. Die aktuellen Daten tragen diese Warnung nicht mehr.

Pro zusätzlicher Tasse Kaffee pro Tag sank das Risiko für Vorhofflimmern um rund zwei Prozent. Ein Auslöser sieht anders aus.

Cao Y et al., Front Cardiovasc Med 2022

Eine Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse von zehn prospektiven Studien mit über 30 000 Vorhofflimmern-Ereignissen fand keinen Hinweis darauf, dass Kaffee Vorhofflimmern fördert. Im Gegenteil zeigte sich ein leicht schützender Trend [Cao Y et al., Front Cardiovasc Med 2022]. Noch direkter wurde die CRAVE-Studie. Hier trugen 100 gesunde Erwachsene über zwei Wochen ein EKG-Gerät und tranken an zufällig zugewiesenen Tagen Kaffee oder verzichteten. An Kaffeetagen traten nicht mehr atriale Extrasystolen auf, also genau die Vorläufer, die man mit Vorhofflimmern in Verbindung bringt. Beobachtet wurden an Kaffeetagen etwas mehr ventrikuläre Extrasystolen, mehr Schritte und etwas weniger Schlaf [Marcus GM et al., NEJM 2023]. Auch die Schweizerische Herzstiftung sieht keinen belegten Zusammenhang zwischen Koffein und einem erhöhten Vorhofflimmern-Risiko [Schweizerische Herzstiftung 2024]. Wer subjektiv merkt, dass die dritte Tasse Herzstolpern auslöst, darf trotzdem reduzieren. Das eigene Empfinden zählt, auch wenn die Statistik beruhigt.

Kaffee und Typ-2-Diabetes: ein unterschätzter Pluspunkt

Beim Stoffwechsel wird Kaffee oft übersehen, dabei ist die Evidenz hier besonders solide. Eine Meta-Analyse von 28 prospektiven Studien mit über 1,1 Millionen Menschen fand: Jede zusätzliche Tasse pro Tag senkte das Risiko für Typ-2-Diabetes um rund sechs Prozent [Ding M et al., Diabetes Care 2014]. Der Effekt zeigte sich für koffeinhaltigen und entkoffeinierten Kaffee gleichermassen. Das spricht dafür, dass hier auch die Polyphenole und weitere Inhaltsstoffe der Bohne mitwirken, über das Koffein hinaus. Für ein Herz-Kreislauf-System ist das relevant, denn Typ-2-Diabetes gehört zu den stärksten Treibern von koronarer Herzkrankheit. Wer hier vorbeugt, schützt indirekt auch sein Herz.

Warum Kaffee bei Ihnen anders wirkt: Koffein, Gene und Schwangerschaft

Dass manche Menschen abends einen Espresso vertragen und andere nach der Nachmittagstasse wachliegen, hat einen genetischen Hintergrund. Das Enzym CYP1A2 baut Koffein ab, und eine verbreitete Genvariante macht Menschen zu langsamen Verstoffwechslern. In einer Fall-Kontroll-Studie war hoher Kaffeekonsum nur bei langsamen Verstoffwechslern mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko verbunden, bei schnellen Verstoffwechslern dagegen nicht [Cornelis MC et al., JAMA 2006]. Einen Gentest brauchen Sie dafür nicht. Schlaf, Herzklopfen und innere Unruhe sind brauchbare Alltagssignale dafür, ob Sie eher zu den langsamen Typen gehören.

In der Schwangerschaft gelten eigene Regeln. Fachgesellschaften halten bis zu 200 Milligramm Koffein pro Tag, ungefähr eine bis zwei Tassen Kaffee, für vertretbar [ACOG 2010]. In der Schwangerschaft baut der Körper Koffein deutlich langsamer ab, die Wirkung hält also länger an. Wer stillt, herzkrank ist oder Medikamente nimmt, bespricht die passende Menge am besten direkt mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

Häufige Fragen

Ist Kaffee schlecht fürs Herz? Für die meisten gesunden Erwachsenen nicht. Drei bis fünf Tassen pro Tag sind in grossen Studien mit dem niedrigsten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden [Ding M et al., Circulation 2014]. Wichtiger als die Menge ist oft die Zubereitung und Ihre persönliche Verträglichkeit.

Welcher Kaffee ist am gesündesten fürs Herz? Filterkaffee mit Papierfilter, weil der Filter die cholesterinsteigernden Diterpene zurückhält [Schweizerische Herzstiftung 2024]. Löslicher Kaffee ist ebenfalls günstig. French Press, Mokka und gekochter Kaffee enthalten mehr dieser Stoffe.

Erhöht Kaffee den Blutdruck dauerhaft? Kurzfristig kann Koffein den Druck anheben, vor allem bei seltenen Trinkern. Bei regelmässigem Konsum gewöhnt sich der Körper, und langfristig steigt das Hypertonie-Risiko bei moderatem Konsum nicht [Zimmermann-Viehoff F et al., 2016].

Darf ich bei Vorhofflimmern Kaffee trinken? Nach aktueller Datenlage spricht moderater Kaffee nicht gegen Vorhofflimmern. Die CRAVE-Studie fand keine Zunahme atrialer Extrasystolen an Kaffeetagen [Marcus GM et al., NEJM 2023]. Besprechen Sie Ihre individuelle Situation trotzdem mit Ihrer Kardiologin oder Ihrem Kardiologen.

Hilft Kaffee gegen Diabetes? Beobachtungsdaten zeigen ein um rund sechs Prozent gesenktes Typ-2-Diabetes-Risiko pro Tasse pro Tag, auch bei entkoffeiniertem Kaffee [Ding M et al., Diabetes Care 2014]. Kaffee ersetzt keine gesunde Lebensweise, fügt sich aber gut in sie ein.

Wie viel Koffein ist in der Schwangerschaft erlaubt? Fachgesellschaften nennen bis zu 200 Milligramm pro Tag als vertretbar, also etwa eine bis zwei Tassen [ACOG 2010]. Da der Abbau in der Schwangerschaft langsamer läuft, lohnt eine individuelle Absprache.

Warum vertrage ich Kaffee schlechter als andere? Das Enzym CYP1A2 bestimmt, wie schnell Sie Koffein abbauen. Langsame Verstoffwechsler reagieren empfindlicher [Cornelis MC et al., JAMA 2006]. Schlafprobleme und Herzklopfen nach der Tasse sind gute Hinweise, die Menge zu prüfen.

Quellen

  1. Ding M, et al. Long-Term Coffee Consumption and Risk of Cardiovascular Disease: A Dose-Response Meta-Analysis of Prospective Cohort Studies. Circulation 2014;129(6):643-659.
  2. Ding M, et al. Caffeinated and Decaffeinated Coffee Consumption and Risk of Type 2 Diabetes: A Dose-Response Meta-Analysis. Diabetes Care 2014;37(2):569-586.
  3. Cao Y, et al. Association of Coffee Consumption With Atrial Fibrillation Risk: An Updated Dose-Response Meta-Analysis of Prospective Studies. Front Cardiovasc Med 2022;9:894664.
  4. Marcus GM, et al. Acute Effects of Coffee Consumption on Health among Ambulatory Adults (CRAVE). N Engl J Med 2023;388(12):1092-1100.
  5. Cornelis MC, El-Sohemy A, Kabagambe EK, Campos H. Coffee, CYP1A2 Genotype, and Risk of Myocardial Infarction. JAMA 2006;295(10):1135-1141.
  6. Zimmermann-Viehoff F, et al. Short-term effects of espresso coffee on heart rate variability and blood pressure in habitual and non-habitual coffee consumers: a randomized crossover study. Nutr Neurosci 2016;19(4):169-175.
  7. American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG). Moderate Caffeine Consumption During Pregnancy. Committee Opinion No. 462, 2010 (reaffirmed).
  8. Schweizerische Herzstiftung. I love American coffee. Dossier, 2024.