Kardiologie

Lipoprotein(a) – der unterschätzte genetische Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall

Sie achten auf Ihre Blutfette, Ihr LDL-Cholesterin ist im Zielbereich, und trotzdem gab es in Ihrer Familie früh einen Herzinfarkt. Dann lohnt ein Blick auf einen Wert, der in der Routine bis heute oft fehlt: Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Er ist fast vollständig in den Genen festgelegt und lässt sich mit Sport oder Ernährung kaum bewegen. Eine einzige Blutmessung im Leben genügt, um zu wissen, wo Sie stehen.

Thomas vor dem Härzli-Schaufenster, die Hand am Brustbein, während seine Smartwatch eine hohe Herzfrequenz meldet.

Was Sie über Lipoprotein(a) wissen sollten

Lipoprotein(a) ist ein dem LDL ähnliches Partikel, das zusätzlich das Apolipoprotein(a) trägt. Diese Besonderheit macht es gleich doppelt ungünstig: Es fördert die Gefässverkalkung und begünstigt die Gerinnselbildung. Ein erhöhter Lp(a)-Wert gilt als ursächlicher, genetisch bestimmter Risikofaktor für die Atherosklerose und für die Verkalkung der Aortenklappe, unabhängig von Geschlecht und Herkunft [EAS 2022]. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung tragen erhöhte Werte, häufig ohne es zu wissen. Die Höhe ist zu über 90 Prozent erblich festgelegt, weshalb eine einmalige Messung im Leben in aller Regel ausreicht [Swiss Heart Foundation 2025]. Als klinisch relevant gelten Werte ab 50 mg/dl beziehungsweise 125 nmol/l; unter 30 mg/dl gilt der Wert als unauffällig. Eine zugelassene, spezifisch gegen Lp(a) gerichtete Therapie gibt es derzeit noch nicht. Umso wichtiger ist, die übrigen Risikofaktoren konsequent zu behandeln, allen voran ein tiefes LDL.

Warum gerade Lp(a) so leicht übersehen wird

Im Alltag richtet sich der Blick meist auf Gesamtcholesterin, LDL und HDL. Lp(a) steht selten auf dem Standard-Laborzettel, obwohl es ein eigenständiges Risiko trägt. Das Tückische: Ihr LDL kann sauber im Zielbereich liegen, und das Lp(a) erhöht das Herz-Kreislauf-Risiko trotzdem weiter. Genau diese Konstellation erklärt manchen frühen Herzinfarkt, bei dem die übrigen Werte zunächst unauffällig wirken.

Hinzu kommt ein historischer Grund. Lange galt Lp(a) als interessanter, aber kaum beeinflussbarer Laborwert. Wenn ein Befund ohnehin keine Therapie nach sich zog, fehlte vielerorts der Anreiz, ihn überhaupt zu erheben. Die Genetik hat dieses Bild gedreht: Grosse Studien belegen heute, dass erhöhte Werte das Risiko ursächlich antreiben und nicht nur begleiten [AHA 2022]. Damit wird der Wert zur Information, mit der Sie und Ihr Arzt früh handeln können, lange bevor sich an den Gefässen etwas zeigt.

Drei Eigenschaften machen den Wert besonders:

  • Er ist fast rein genetisch bestimmt. Lebensstiländerungen verschieben ihn kaum.
  • Er bleibt über das Leben weitgehend stabil. Eine einzige Messung reicht meist aus.
  • Er wird kodominant vererbt. Ein auffälliger Befund bei Ihnen hat oft Bedeutung für Geschwister, Eltern und Kinder.

Wann eine Messung sinnvoll ist

Die europäischen Fachgesellschaften empfehlen, Lp(a) mindestens einmal bei jedem Erwachsenen zu bestimmen [EAS 2022]. Die Schweizerische Herzstiftung schliesst sich dieser einmaligen Bestimmung an [Swiss Heart Foundation 2025]. Besonders dringlich ist die Messung in diesen Situationen:

Anlass Warum es zählt
Herzinfarkt oder Schlaganfall vor dem 55. (Mann) bzw. 60. Lebensjahr in der Familie Hinweis auf eine vererbte Belastung
Eigenes kardiovaskuläres Ereignis trotz gut eingestelltem LDL Lp(a) als verbleibender Risikotreiber
Bekannte familiäre Hypercholesterinämie Häufige Kombination mit erhöhtem Lp(a)
Ungeklärte oder früh auftretende Aortenklappenverkalkung Lp(a) als möglicher Mittreiber
Auffälliger Lp(a)-Wert bei einem nahen Angehörigen Kodominante Vererbung

Liegt Ihr Wert zwischen 30 und 50 mg/dl, in der sogenannten Grauzone, entscheiden die übrigen Risikofaktoren über das weitere Vorgehen. Wir am Dein Team Herzzentrum ordnen den Befund deshalb immer im Gesamtbild ein, gemeinsam mit Ihrem LDL, dem Blutdruck und Ihrer Familiengeschichte.

Was Sie heute schon tun können

Auch ohne ein Medikament direkt gegen Lp(a) sind Sie nicht ohne Mittel. Ein erhöhter Wert verschiebt den Fokus auf alles, was sich beeinflussen lässt.

  1. LDL konsequent senken. Je höher Ihr Lp(a), desto ambitionierter sollte das LDL-Ziel sein. Statine, bei Bedarf ergänzt durch Ezetimib oder einen PCSK9-Hemmer, sind hier die Basis.
  2. Blutdruck, Blutzucker und Rauchen angehen. Jeder zusätzliche Risikofaktor zählt bei erhöhtem Lp(a) doppelt.
  3. Die Familie informieren. Bei einem auffälligen Befund ist es sinnvoll, dass nahe Angehörige ihren Wert ebenfalls prüfen lassen [Swiss Heart Foundation 2025].
  4. Den Verlauf begleiten lassen. Da der Wert stabil bleibt, geht es weniger um Kontrollmessungen als um eine durchdachte Gesamtstrategie über die Jahre.

In seltenen, sehr schweren Fällen mit fortschreitender Erkrankung kann eine Lipoprotein-Apherese erwogen werden, ein Blutwäscheverfahren, das die Werte vorübergehend stark senkt. Das ist eine Einzelfallentscheidung in spezialisierten Zentren.

Neue Therapien rücken näher

Die kommenden Jahre dürften das Bild verändern. Mehrere Wirkstoffe, die gezielt die Lp(a)-Produktion drosseln, sind weit in der klinischen Prüfung. In Phase-2-Studien senkten sie die Werte teils um mehr als 90 Prozent: Pelacarsen, ein Antisense-Wirkstoff, um rund 80 Prozent [Tsimikas 2020], Olpasiran und Lepodisiran, beides siRNA-Ansätze, um über 90 Prozent [O'Donoghue 2022; Nissen 2025]. Mit Muvalaplin ist zudem ein oral einnehmbarer Hemmstoff in Entwicklung.

Entscheidend bleibt die offene Frage, ob die starke Senkung des Laborwerts auch weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle bedeutet. Diese Antwort sollen grosse Endpunktstudien liefern. Die Outcome-Studie zu Pelacarsen läuft noch, mit Ergebnissen wird im Verlauf von 2026 gerechnet. Bis dahin gilt: Wer seinen Wert kennt, kann das übrige Risiko früh und konsequent senken und steht bereit, sobald eine gezielte Therapie zugelassen ist.

Wir am Dein Team Herzzentrum sehen darin den eigentlichen Nutzen einer frühen Messung. Ein bekannter Wert verändert die Gespräche: Er erklärt eine belastete Familiengeschichte, er begründet ein ehrgeizigeres LDL-Ziel, und er gibt Ihnen die Möglichkeit, nahe Angehörige rechtzeitig zu sensibilisieren. Sollte eine der neuen Therapien die Hürde der Zulassung nehmen, profitieren jene am meisten, die ihren Status bereits kennen und über die Jahre gut eingestellt sind. Die Messung von heute ist insofern eine Vorbereitung auf die Behandlung von morgen.

Häufige Fragen zu Lipoprotein(a)

Muss ich Lp(a) regelmässig kontrollieren lassen? In der Regel nicht. Der Wert ist genetisch festgelegt und bleibt über das Leben weitgehend stabil. Eine einmalige Bestimmung genügt meist, sofern keine besondere Situation eine erneute Messung nahelegt.

Kann ich meinen Lp(a)-Wert mit Ernährung oder Sport senken? Kaum. Anders als beim LDL haben Ernährung, Bewegung und Gewicht nur einen geringen Einfluss. Diese Massnahmen bleiben für Ihre Herzgesundheit wertvoll, verändern den Lp(a)-Wert selbst aber kaum.

Ab welchem Wert ist Lp(a) erhöht? Werte ab 50 mg/dl beziehungsweise 125 nmol/l gelten als klinisch relevant. Unter 30 mg/dl gilt der Wert als unauffällig. Dazwischen liegt eine Grauzone, in der die übrigen Risikofaktoren den Ausschlag geben [EAS 2022].

Ich habe ein hohes Lp(a), aber ein normales LDL. Bin ich gefährdet? Ein erhöhtes Lp(a) trägt ein eigenständiges Risiko, auch wenn Ihr LDL im Zielbereich liegt. Genau deshalb lohnt die Messung. Das LDL sollte dann besonders konsequent tief gehalten werden.

Wird der Test in der Schweiz angeboten? Ja. Lp(a) lässt sich über eine einfache Blutprobe bestimmen, auch bei uns in Zürich. Sinnvoll ist, den Befund ärztlich einordnen zu lassen, statt nur eine Zahl zu erhalten.

Sollte meine Familie sich ebenfalls testen lassen? Bei einem erhöhten Wert ja. Lp(a) wird kodominant vererbt, daher kann ein auffälliger Befund bei Ihnen auf ein erhöhtes Risiko bei Eltern, Geschwistern oder Kindern hinweisen [Swiss Heart Foundation 2025].

Gibt es bereits ein Medikament direkt gegen Lp(a)? Noch nicht zugelassen. Mehrere Wirkstoffe senken den Wert in Studien deutlich, der Nachweis weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle steht aber noch aus. Bis dahin steht die Behandlung der übrigen Risikofaktoren im Vordergrund.

Dieser Beitrag dient Ihrer Orientierung und ersetzt das persönliche ärztliche Gespräch nicht. Ob und wann eine Lp(a)-Messung für Sie sinnvoll ist, klären Sie am besten direkt mit Ihrem Arzt.

Quellen

  1. Kronenberg F et al. Lipoprotein(a) in atherosclerotic cardiovascular disease and aortic stenosis: a European Atherosclerosis Society consensus statement. Eur Heart J. 2022 [EAS 2022]
  2. EAS frequent questions and responses on the 2022 lipoprotein(a) consensus statement. Atherosclerosis. 2023 [EAS 2022]
  3. Reyes-Soffer G et al. Lipoprotein(a): A Genetically Determined, Causal, and Prevalent Risk Factor for ASCVD. AHA Scientific Statement. Arterioscler Thromb Vasc Biol. 2022 [AHA 2022]
  4. Schweizerische Herzstiftung: Das Cholesterin im Stammbaum (Lipoprotein(a), einmalige Bestimmung) [Swiss Heart Foundation 2025]
  5. Tsimikas S et al. Lipoprotein(a) Reduction in Persons with Cardiovascular Disease (pelacarsen). N Engl J Med. 2020;382:244-255 [Tsimikas 2020]
  6. O'Donoghue ML et al. Small Interfering RNA to Reduce Lipoprotein(a) in Cardiovascular Disease (olpasiran, OCEAN(a)-DOSE). N Engl J Med. 2022 [O'Donoghue 2022]
  7. Nissen SE et al. Lepodisiran, a Long-Duration Small Interfering RNA Targeting Lipoprotein(a). N Engl J Med. 2025 [Nissen 2025]
  8. Lp(a)HORIZON: Phase 3 cardiovascular outcomes trial of pelacarsen (results expected 2026)