Kardiologie

Blutdruck und Herzgesundheit: ESC-Leitlinien 2024

Die arterielle Hypertonie bleibt der wichtigste einzelne Risikofaktor für Herzinfarkt und Hirnschlag, und im August 2024 hat die Europäische Gesellschaft für Kardiologie ihre Leitlinie dazu grundlegend überarbeitet [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Werte, die bis vor Kurzem als unauffällig galten, verdienen heute eine genauere Abklärung. Dieser Beitrag ordnet ein, was sich konkret verändert hat und was die neuen Schwellen für Sie bedeuten.

Thomas bei der Echokardiographie im Untersuchungsraum, EKG-Elektroden auf der Brust, auf dem Bildschirm die Herzfunktion mit einem LVEF-Wert.

Was ändert sich mit den ESC-Leitlinien 2024 konkret

Die ESC-Leitlinie 2024 führt eine neue, dreistufige Einteilung des in der Praxis gemessenen Blutdrucks ein: nicht erhöht (unter 120/70 mmHg), erhöht (120 bis 139 / 70 bis 89 mmHg) und Hypertonie (ab 140/90 mmHg) [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Neu ist vor allem die Kategorie des erhöhten Blutdrucks, die einen Bereich beschreibt, der früher meist als normal abgehakt wurde. Bei Menschen mit erhöhtem Blutdruck und hohem kardiovaskulärem Risiko empfiehlt die Leitlinie nach rund drei Monaten ergebnisloser Lebensstilmassnahmen eine medikamentöse Behandlung mit dem Ziel unter 130/80 mmHg [ESC 2024, Hypertension 2024]. Für die meisten behandelten Erwachsenen gilt zudem ein neues systolisches Zielband von 120 bis 129 mmHg, sofern Sie es gut vertragen. Damit ersetzt ein Ein-Schritt-Ansatz das frühere zweistufige Vorgehen, bei dem zunächst auf unter 140/90 und erst danach tiefer behandelt wurde. Die Diagnose stützt sich verstärkt auf Messungen ausserhalb der Praxis, etwa zu Hause oder über 24 Stunden, weil diese Herz-Kreislauf-Ereignisse zuverlässiger vorhersagen als ein einzelner Wert beim Arztbesuch.

Die drei Blutdruckkategorien im Überblick

  • Nicht erhöht (unter 120/70 mmHg): Keine medikamentöse Behandlung. Werte in diesem Bereich durch Bewegung, Ernährung und Gewicht halten.
  • Erhöht (120 bis 139 / 70 bis 89 mmHg): Neue Kategorie. Bei hohem Risiko und nach drei Monaten Lebensstil eine medikamentöse Therapie erwägen.
  • Hypertonie (ab 140/90 mmHg): Bestätigung über Messungen ausserhalb der Praxis, danach in der Regel zügig behandeln.

Warum das Behandlungsziel auf 120 bis 129 mmHg gesenkt wurde

Das auffälligste Element der neuen Leitlinie ist das systolische Zielband von 120 bis 129 mmHg für die meisten behandelten Erwachsenen [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Die ESC stützt diese Empfehlung auf eine grosse Zahl randomisierter Studien, in denen eine intensivere Blutdrucksenkung Herzinfarkte und Schlaganfälle messbar reduzierte, auch bei älteren Menschen, die früher von intensiver Behandlung ausgeschlossen waren. Wichtig ist die Bedingung der guten Verträglichkeit: Wer das tiefere Ziel wegen Schwindel, Stürzen oder anderen Beschwerden nicht erreicht, wird auf einen höheren, individuell vertretbaren Wert eingestellt.

Bei sehr alten Menschen ab etwa 85 Jahren, bei ausgeprägter Gebrechlichkeit, orthostatischen Beschwerden oder begrenzter Lebenserwartung sieht die Leitlinie ausdrücklich Ausnahmen vor [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Das tiefere Ziel ist eine Empfehlung mit Augenmass, kein starres Diktat. Im Team von Dein Team Herzzentrum besprechen wir diese Abwägung mit jedem Menschen einzeln, denn der gleiche Zahlenwert bedeutet bei einer sportlichen Person Mitte 50 etwas anderes als bei einer gebrechlichen Person über 80.

Das Ziel von 120 bis 129 mmHg gilt, wenn die Behandlung gut vertragen wird. Verträglichkeit und Begleiterkrankungen entscheiden mit, nicht allein die Zahl auf dem Messgerät.

McEvoy et al., Eur Heart J 2024

Warum die Messung zu Hause so wichtig geworden ist

Ein in der Praxis gemessener Wert kann täuschen. Bei manchen Menschen steigt der Blutdruck allein durch die Situation beim Arzt, das ist die sogenannte Weisskittelhypertonie. Bei anderen ist es umgekehrt: Die Praxiswerte wirken normal, während der Blutdruck im Alltag dauerhaft zu hoch liegt, die maskierte Hypertonie. Beide Muster lassen sich nur über Messungen ausserhalb der Praxis erkennen.

Deshalb empfiehlt die ESC-Leitlinie 2024, eine Hypertonie nach Möglichkeit mit Messungen zu Hause oder einer 24-Stunden-Messung zu bestätigen [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Die Schweizerische Herzstiftung nennt für die Heimmessung die etwas tiefere Schwelle von 135/85 mmHg, weil der Blutdruck ohne die Anspannung der Praxis meist niedriger ausfällt [Schweizerische Herzstiftung 2025]. Wer regelmässig zu Hause misst, sollte morgens und abends im Sitzen nach einigen Minuten Ruhe am unbewegten Arm messen und die Werte über mehrere Tage notieren. Diese Aufzeichnungen sind oft aussagekräftiger als ein einzelner Praxiswert, weil sie zeigen, wie sich der Blutdruck über den Tag und über die Woche verhält. Gerade wer beruflich stark gefordert ist, profitiert von dieser Verlaufskurve, denn ein einzelner Messwert beim Termin fängt die tatsächliche Belastung des Herzens selten ein. Voraussetzung ist ein validiertes und geprüftes Oberarm-Gerät.

Wie Lebensstil und Medikamente zusammenspielen

Die Leitlinie 2024 stuft Lebensstilmassnahmen klar als wirksame Erstmassnahme ein [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Empfohlen werden eine Kochsalzzufuhr unter 2 Gramm Natrium pro Tag, eine Kaliumzufuhr von mindestens 3,5 Gramm pro Tag über Gemüse und Früchte sowie mindestens 150 Minuten moderate Ausdauerbewegung pro Woche, ergänzt durch leichtes Krafttraining [ESC 2024, Hypertension 2024]. Diese Massnahmen senken den Blutdruck messbar und verbessern gleichzeitig das gesamte kardiovaskuläre Risikoprofil. Viele Menschen unterschätzen die Wirkung einer konsequenten Salzreduktion und regelmässiger Bewegung, obwohl sie bei manchen den systolischen Wert um mehrere mmHg senkt.

Bei erhöhtem Blutdruck und hohem Risiko gibt die Leitlinie diesen Massnahmen rund drei Monate Zeit. Bleibt der Blutdruck darüber, beginnt die medikamentöse Therapie [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Welches Medikament und welche Kombination sinnvoll ist, hängt von Alter, Begleiterkrankungen und Verträglichkeit ab. Diese Entscheidung gehört in ein ärztliches Gespräch und lässt sich nicht über einen Online-Rechner treffen.

Wann Sie Ihren Blutdruck kardiologisch abklären lassen sollten

In der Schweiz hat rund jede vierte erwachsene Person einen zu hohen Blutdruck, das sind etwa 1,5 Millionen Menschen, und rund ein Drittel davon weiss nichts davon, weil hoher Blutdruck fast nie Beschwerden macht [Schweizerische Herzstiftung 2025]. Bei den über 60-Jährigen ist sogar etwa jede zweite Person betroffen. Genau das macht den hohen Blutdruck gefährlich. Eine einfache Entscheidungsregel hilft Ihnen, den richtigen Zeitpunkt für eine Abklärung zu erkennen.

  • Wiederholt Werte ab 140/90 mmHg in der Praxis oder 135/85 mmHg zu Hause: Bestätigung und Abklärung.
  • Erhöhte Werte plus weitere Risikofaktoren wie erhöhtes Lp(a), Diabetes, Rauchen oder familiäre Belastung: Standortbestimmung.
  • Bekannte Hypertonie, die unter Behandlung das Zielband nicht erreicht: Therapie überprüfen.

Häufige Fragen

Gelten die neuen ESC-Werte auch in der Schweiz?

Die ESC-Leitlinien sind die massgebende europäische Referenz und werden von der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie mitgetragen. Die Schwellen für die Praxismessung (140/90 mmHg) und für die Heimmessung (135/85 mmHg) entsprechen den Angaben der Schweizerischen Herzstiftung [Schweizerische Herzstiftung 2025].

Muss ich jetzt Medikamente nehmen, wenn mein Wert bei 130/80 liegt?

Nicht automatisch. Ein Wert in der Kategorie des erhöhten Blutdrucks führt zuerst zu einer Risikobewertung und zu Lebensstilmassnahmen über rund drei Monate. Eine medikamentöse Behandlung empfiehlt die Leitlinie in diesem Bereich vor allem bei hohem kardiovaskulärem Risiko [McEvoy et al., Eur Heart J 2024].

Wie wird mein kardiovaskuläres Risiko überhaupt eingeschätzt?

Die Leitlinie 2024 nutzt für Menschen zwischen 40 und 69 Jahren das Instrument SCORE2 und für Menschen ab 70 Jahren SCORE2-OP, um das Zehnjahresrisiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse zu schätzen [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Daraus ergibt sich, wie konsequent der Blutdruck gesenkt werden sollte.

Warum ist ein Wert beim Arzt höher als zu Hause?

Bei vielen Menschen steigt der Blutdruck allein durch die Untersuchungssituation, die Weisskittelhypertonie. Deshalb empfiehlt die ESC-Leitlinie 2024, die Diagnose mit Messungen zu Hause oder einer 24-Stunden-Messung zu bestätigen [McEvoy et al., Eur Heart J 2024].

Was bedeutet das systolische Ziel von 120 bis 129 mmHg für ältere Menschen?

Für sehr alte oder gebrechliche Menschen sieht die Leitlinie ausdrücklich höhere, individuell vertretbare Ziele vor [McEvoy et al., Eur Heart J 2024]. Verträglichkeit, Sturzrisiko und Begleiterkrankungen entscheiden mit. Die Behandlung wird in der Regel an die Lebenssituation angepasst.

Wie oft sollte ich meinen Blutdruck messen lassen?

Die Schweizerische Herzstiftung empfiehlt Erwachsenen ab 18 Jahren eine Messung mindestens alle fünf Jahre und ab 40 Jahren eine jährliche Kontrolle [Schweizerische Herzstiftung 2025]. Bei bekannten Risikofaktoren oder erhöhten Werten sind häufigere Kontrollen sinnvoll.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er ordnet die ESC-Leitlinie 2024 ein und soll Ihnen helfen, Ihre eigenen Werte besser zu verstehen. Welches Ziel und welche Behandlung für Sie passen, klären Sie am besten im persönlichen Gespräch.

Quellen

  1. McEvoy JW, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. Eur Heart J 2024;45(38):3912-4018.
  2. 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension (PubMed record, PMID 39210715). Eur Heart J 2024.
  3. What Is New and Different in the 2024 European Society of Cardiology Guidelines for the Management of Elevated Blood Pressure and Hypertension? Hypertension (AHA Journals), 2024.
  4. New ESC Hypertension Guidelines recommend intensified BP targets and introduce a novel elevated blood pressure category. ESC Press Release, 2024.
  5. 2024 ESC Guidelines for Management of Elevated BP and Hypertension: Key Points. American College of Cardiology, 2024.
  6. Bluthochdruck. Schweizerische Herzstiftung, 2025.
  7. Blutdruck - Diese Werte muessen Sie kennen. Schweizerische Herzstiftung, 2025.